Ein Tag voller Geschenke

Voller Freude, dass ich sorglos mit meinem voll bepackten Velo weiterreisen kann, fahren wir runter ins Alazani-Tal. Und wirklich, das Rad läuft ruhig wie eh und je. Ich bin beruhigt und einmal mehr dankbar, dass wir einen so erfahrenen und hilfsbereiten Spezialisten wie Khvicha gefunden haben.

Heute ist die Klosteranlage Nekresis bei Kvareli unser Ziel.

Im ersten Dorf halten wir vor einem Schuppen, wo es unwahrscheinlich gut nach frischem Brot duftet. Wir betreten die Backstube und bewundern den Bäcker, wie er gerade die heissen Laiber aus dem im Boden versenkten, kreisrunden Backofen heraus angelt. Die Teigstücke werden nämlich zum Backen an die Wand des Ofens geklebt. Das Brot, das wir kaufen wollten, wird uns geschenkt. Wir verzehren es hungrig am Strassenrand, da Nana uns ohne Frühstück auf den Weg geschickt hatte. Sie habe kein Gas mehr in der Küche, lautete die Erklärung. Während ich im Laden neben der Bäckerei Wasser kaufe, wird Reto von einem älteren Mann eingeladen, seinen Wein zu kosten. Ich werde ebenfalls dazu geholt. Mit einem Kessel wird der Wein aus einem tiefen Loch im Boden heraufgeholt. Von den wortreichen Erläuterungen verstehen wir leider wieder nichts. Schade, dass wir so wenig Georgisch sprechen! Der etwas trübe Wein schmeckt kräftig, doch scheint er sehr wenig Alkohol zu enthalten. So genehmigen wir uns zum späten Frühstücksbrot ein Gläschen. Auf der Weiterfahrt spüren wir jedoch, dass unsere Beine etwas weicher geworden sind….

Später kaufen wir vor der Durchquerung des Alazani-Tals bei einer freundlichen Frau Trinkyoghurt und wieder Wasser. Sie spricht ein wenig Englisch und wünscht uns Glück für die Weiterreise. Die nächst grössere Ortschaft ist Kvareli. Dort wollen wir für das Nachtessen einkaufen. Bei einer Gemischtwarenhandlung mit Gemüse in der Auslage zur Strasse suche ich Auberginen, Tomaten, Zwiebeln und Kartoffeln aus. Bei der Frage nach dem Preis („ra ghirs?“ – ein absoluter Zungenbrecher mit dem französischen r in der Mitte) schüttelt die Frau den Kopf und schenkt uns die Zutaten zu unserem Nachtessen.

Der Kloster Nekresis liegt wieder hoch über dem Tal. Die Fahrräder geben wir einem alten Mann in Obhut, während wir zu Fuss den steilen Weg (20% auf ca. 2 km) in Angriff nehmen wollen. Doch da werden wir von einem Georgier aufgefordert, mit ihm zu kommen, wir sollten vorher noch etwas essen. Er bringt uns zu einem langen Picknicktisch, an welchem ein Riesengelage stattfindet. Wir werden laut und herzlich zum Sitzen aufgefordert und mit den verschiedensten Sorten Fleisch gestärkt. Dann werden auf unser Wohl Trinksprüche ausgesprochen. Die Frauen wollen mit uns fotografiert werden. Es herrscht eine fröhliche Stimmung. Aus einem Autoradio wird Musik abgespielt und einige beginnen zu tanzen. Leider ist auch hier die Verständigung schwierig. Doch wir verstehen, dass die älteste der Frauen uns zu sich nachhause zum Übernachten einladen will. Jemand spricht ein paar Worte Englisch. Es ist uns angenehm, dass unsere Ablehnung verstanden und akzeptiert wird.

Inzwischen ist es mehr als fünf Uhr geworden, und wir nehmen den Aufstieg unter die Füsse. Schon nach ein paar Hundert Metern hält ein Lastwagen mit Baumaterial. Wir werden zum Aufsteigen aufgefordert. Oben haben wir die schöne Anlage, die zur Zeit renoviert wird, fast für uns alleine. Die Aussicht ist grossartig. Wir suchen von oben einen Platz für die Nacht. Unten angelangt, finden wir eine schöne Wiese hinter dem Besucherparkplatz. Schon begrüssen uns zwei drei Hunde. Zum Glück sind sie nur neugierig und lassen uns bald in Ruhe. Arbeitsteilung wie gewohnt: Reto stellt das Zelt auf, ich kümmere mich um das Nachtessen. Wieder einmal schlafen wir tief und ruhig in unserem Zelt, aus respektvoller Distanz bewacht von unseren vierbeinigen Freunden.

Am folgenden Tag reisen wir weiter über Gremi nach Telavi und nehmen den Aufstieg zum Gombori-Pass in Angriff. Unser Nachtlager liegt in einem wunderschönen alten Wald in der Nähe des Shuamta-Klosters, welcher auch als Picknickplatz dient. Leider ist er über und über mit Abfall verunstaltet. Doch haben wir keine andere Wahl, es ist schon spät, und bald wird es dunkel. Der Platz ist von einer Horde Hunden bevölkert, die uns anfänglich zu ignorieren scheinen, doch nachts streichen sie bellend um unser Zelt. Ich bin so müde, dass ich gleich wieder einschlafe.

Wandmalerei vor einer typisch georgischen Bäckerei

Die Brote kleben an der Wand eines runden Backofens

Der Wein wird nicht in Fässern, sondern in riesigen im Kellerboden versenkten Tontöpfen gelagert.

Die Klosteranlage Nekresi liegt hoch über dem Alazanital

Georgisches Picknick mit Schweizer Gast

Eindrückliche Kirchenfestung im Alazanital: Gremi

Schaf- und Ziegenherden kreuzen unseren Weg

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Unser Retter vom Velodrom

Früh am Montag fahren wir mit der Marshrutka von Sighnaghi nach Tbilissi. Unsere Zuversicht auf eine baldige Lösung ist in der Zwischenzeit wieder etwas gesunken. Am Vorabend trafen wir auf dem Heimweg vom Nachtessen einen Veloreisenden aus Dresden, der uns von Khvicha, dem Velomechaniker, nur Negatives zu berichten wusste. In Tbilissi eingetroffen, machen wir uns auf den Weg zum Velodrom, wo Khvicha seine Werkstatt hat. Der erste Anblick des Velodroms und der umliegenden Schuppen können unseren Mut auch nicht heben. Von Khvicha ist nichts zu sehen, dafür kurvt in der Mitte des Velodroms ein Fahrlehrer mit seiner Schülerin rum. Wir setzen uns auf die paar Plastiksessel der Tribüne und warten. Nach einer gewissen Zeit kommt die Fahrschülerin auf uns zu und fragt auf Englisch, ob wir Khvicha suchen. Anscheinend existiert unser Mann doch, denn der Fahrlehrer hat seine Telefonnummer und versucht, ihn anzurufen. Aber vergeblich. So warten wir weiter. Um uns die Zeit zu vertreiben, suchen wir den McDonalds an der Marjanishvili-Metrostation auf, der als einzig vernünftiges Menü ein WLAN anzubieten hat. Als wir nach ca. einer Viertelstunde wieder zum Velodrom kommen, ist Khvicha effektiv aufgetaucht. Aus seinem Gemisch aus Georgisch und Russisch, Händen und Füssen entnehmen wir, dass Khvicha sowohl Trainer wie Mechaniker auf der stillgelegten Rennbahn war. Sodann äussert er seine Wut über den georgischen Präsidenten Sarkatchwili, der die aus dem Jahre 1886 stammende Rennbahn aus Geldmangel schliessen liess. Im jetzigen Zustand würde ein Rennvelo auf dem holprigen, mit Gras und Büschen überwachsenen Belag kaum mehr als eine Runde überleben, und Khvicha wäre mit den Reparaturen ein sicheres Einkommen als Mechaniker garantiert.

Dann beginnt Khvicha zu zaubern: Zielstrebig führt er uns ans andere Ende des Ovals, öffnet einen alten Schuppen und fördert mit sicherem Griff eine 36-Loch-Felge ans Tageslicht. Auch in der Schweiz sind diese Felgen nicht gerade überall zu finden. Zurück in der Werkstatt macht er uns als seriöser Geschäftsmann einen Kostenvoranschlag. 500 US-$ schreibt er auf einen Zettel und wartet unsere Reaktion ab. Doch bevor wir zum Protestieren kommen, rundet er den Betrag auf ca. 40 $ ab und lacht verschmitzt dazu. Zur Beruhigung erwähnt er, dass er einem früheren Schweizerkunden mit 1000 $ schockiert hätte. Dann beginnt er mithilfe eines zufällig anwesenden Kunden die Felge einzuspeichen. Wir unterhalten uns in der Zwischenzeit mit einem emeritierten Schwergewichtsboxer, ebenfalls ein Radfahrer und Kunde von Khvicha. Dieser spricht Englisch und ein wenig Deutsch, da er drei Jahre in Frankfurt trainierte.

Als es um die Feinzentrierung der Felge geht, stellt sich heraus, dass die Speichen zu lange sind. Inzwischen ist ein neuer Kollege von Khvicha eingetroffen, der die Felge wieder ausspeicht, während er sich in Tbilissi auf die Suche von kürzeren Speichen macht. Ein neuer Kunde taucht auf. Wir radbrechen auf Englisch, aber dann stellt sich heraus, dass der junge Mann die italienische Schule in Tbilissi besucht hat, und so sind die Sprachprobleme behoben. Er erzählt uns sehr Interessantes aus der georgischen Geschichte, gibt uns aber auch viele touristische Geheimtipps zu Sehenswürdigkeiten und Unterkünften. Als Khvicha mit den Speichen zurück kommt, wird auch dieser Kunde als Gehilfe eingespannt. So kommen wir schlussendlich zum ersehnten, neuen Hinterrad für Rosa Maria. Khvicha, der uns den Eindruck eines sehr versierten und erfahrenen Mechanikers gemacht hat, meint schmunzelnd, das Rad wäre nun so perfekt rund, dass die Fahrerin ob des ruhigen Laufes auf dem Velo einschlafen würde. Sollte dennoch ein Problem auftauchen, stünde er jederzeit zu unserer Verfügung, um uns aus der Patsche zu helfen. Als er hört, dass wir seine Dienste im Internet anpreisen werden, strahlt er stolz.

Hier noch seine korrekte Adresse: D. Uzdnaze st. 89, (erste Querstrasse rechts zur Marjanishvilistrasse auf dem Weg von der Metrostation zum Fluss). Mobiltelefon:    +99599100459. cycling_georgia@yahoo.com.

Mit grosser Erleichterung und bereichert um ein paar weitere spannende Bekanntschaften machen wir uns mit dem neuen Rad auf die Suche nach dem Busbahnhof.

Der Eingang zum alten Velodrom von 1886

Die Tribüne steht zwar noch, doch wird sie höchstens von wartenden FahrschülerInnen genutzt

Oval der ehemaligen Velorennbahn

Auch in Georgien läuft (fast) nichts ohne Mobiltelefon. Über der Türe Khvichas Name auf Georgisch

Khvicha mit seinem Kunden und Helfer

Zwecks einfacherer Übertragung der Speichen vom alten aufs neue Rad wurden die zwei Felgen miteinander verbunden.  

Die neue Felge wird mit grösster Sorgfalt und Konzentration zentriert.

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