Über den Irkeshtam von Sari Tash nach Kashgar

Noch in der Schweiz, hatten wir uns ganz kurz vor unserer Abreise entschlossen, ein chinesisches Visum zu beschaffen. Nicht, dass wir im Sinn gehabt hätten unsere Tour auf gant China auszudehnen. Das Visum würde es uns jedoch ermöglichen, unter Umgehung von Osh und Jalalabad über China in den Norden Krigistans zu reisen, falls in den beiden krigisischen Städten wieder Unruhen ausbrechen sollten. Im Moment ist es in Osh und Jalabad zwar ruhig, aber der Verlockung, China einen Kurzbesuch abzustatten, konnten wir doch nicht wiederstehen. So geht es von Sari Tash nicht nach Norden Richtung Zentrum Kirgistans, sondern nach Osten, wo der Grenzübergang nach China liegt. Wir fahren im gleichen breiten Tal, das wir schon von unserem Besuch Sari Moghul’s kennen. Diesmal gehts jedoch talaufwärts. Auf der rechten Talseite erheben sich steil die schneebedeckten Berge vom Südrand des Pamir, auf der linken Seite die grünen Hänge der kirgisischen Alaj Kette. Auf dem breiten flachen Talboden mäandriert der Kyzyl Suu Fluss mit seinem tiefroten Wasser und dazwischen grasen Yaks, Pferde, Ziegen und Schafe.

auf der rechten Talseite die Schneeberge des Pamir


auf der linken Talseite die grünen Hügel Kirgistans


…dazwischen das breite Tal mit dem mäandrierenden Fluss

Es ist sicher eine der schönsten Strecken, die wir auf unser Reise bisher gesehen haben. Die frisch asphaltierte Strasse lässt uns die Fahrt ungestört geniessen. Wir haben sogar Unterstützung durch einen frischen Rückenwind und spüren die anfänglich sanfte Steigung kaum.

Schäfer mit seiner Herde

Am Fuss des Irkeshtam-Passes wird die Strasse steiler und führt uns in einem Bogen nach Süden auf den höchsten Punkt. Wir sind wieder auf über 3700 m und haben die hohen Pamirgipfel nochmals direkt vor unseren Augen. Eine schöne Art Abschied zu nehmen (in der leisen Hoffnung auf ein mögliches Wiedersehen).


…Radeln vor ewigem Schnee


...auf dem Irkeshtam: Wo geht’s hier weiter?

Nach dem Pass geht es steil runter. Die perfekte Strasse ohne tückische Schlaglöcher erlaubt es auch, sich wieder einmal den Wind um die Ohren pfeifen zu lassen. Nach der Durchquerung eines tief eingeschnittenen Tales geht es wieder steil aufwärts.


…am Zusammenfluss von rotem und blauem Wasser

Als wir den obersten Punkt des Zwischenanstiegs erreicht haben, machen wir Schluss für heute und stellen auf einer einsamen Wiese unser Zelt auf. Im Hintergrund verblassen die schneebedeckten Bergriesen im Abendlicht.


…in der Dämmerung ein letzer Blick zurück auf den Pamir

Die Nacht wird für mich trotz der schönen Umgebung recht unruhig, muss ich doch mehrfach erbrechen. Am nächsten Morgen ist der Magen wieder in Ordnung, aber sonst fühle ich mich so schlapp, dass ich kaum einen Finger rühren mag. Glücklicherweise geht es bis zur nahen Grenze nur noch runter.

Der kirgisische Zoll kündigt sich mit einer langen, stehenden Lastwagenkolonne an. Wir können uns zum Glück durch die eng stehenden Fahrzeuge durchschlängeln und gelangen so zum kirgisischen Posten.


…hier sind wir im Vorteil

Die Ausreise-Abfertigung geschieht für hiesige Verhältnisse recht zügig und wir können bald zum 5 km entfernten chinesischen Posten weiterfahren. Auch dieser wird von einer langen Lastwagenkolonne belagert. Wieder schleichen wir uns durch und stehen vor einem grossen eisernen Portal, das mit chinesischen Schriftzeichen verziert ist und aussieht wie der Eingang zu einem Schlosspark. Wir werden durchgelassen und gleich anschliessend erfolgt die Gepäckkontrolle. Wir werden aufgefordert, einzelne Saccochen zu öffnen, diese werden dann aber eher lustlos und oberflächlich inspiziert. Dann heisst auf einmal, wir sollten uns beeilen und zur 5 km entfernten Einreisekontrolle rasen, innert Kürze würde dort die dreistündige Mittagspause beginnen. Die Grenzbeamten helfen uns beim Beladen der Fahrräder und feuern uns nochmals für die bevorstehende Spurtstrecke an. Keuchend erreichen wir das Gebäude der Einreisekontrolle und werden noch vor Torschluss zur langen Siesta eingelassen. Ein ausnehmend freundlicher Beamter begrüsst uns und bittet uns, Platz zu nehmen, bis die Personenkolonne vor der Schleuse zur Dokumentenkontrolle sich verkürzt hat. Als wir ihm sagen, dass wir eine Fahrgelegenheit mit einem Lastwagen Richtung Kashgar suchen, weil die Strasse auf einer langen Strecke im Umbau ist, bietet er seine Hilfe bei der Suche eines Fahrzeugs an. Vor so viel Hilfsbereitschaft eines chinesischen Beamten müssen wir gleich einmal einige Clichés in Frage stellen. Die anschliessende Einreisekontrolle überstehen wir ziemlich schnell und schmerzlos und befinden uns kurz darauf im Reich der Mitte.

Hinter dem Zollgebäude warten wir, bis der freundliche Beamte von seiner Mittagspause zurückkehrt und uns einen Lastwagen für den Weitertransport vermittelt. Als es dann schon vier Uhr wird und immer noch keine Anstalten zur Wiedereröffnung der Einreisekontrolle gemacht werden, suchen wir uns selbst eine Transportmöglichkeit. Wir finden einen Kleinbus, der zwar nicht nach Kashgar aber Ulugqat, der ersten Stadt nach dem Bauabschnitt fährt. Neben uns, unseren Rädern und Gepäck wird der Minibus auch noch bis zum Dach mit lokalen Passagieren vollgepfropft. Nach unserer Karte hätte die Fahrtstrecke etwa 50 km betragen sollen. Als der Kleinbus nach 2 Stunden hält, glauben wir angelangt zu sein. Der Halt dient jedoch nur dazu, einige Passagiere und unsere Räder auf ein anderes Pick-up umzuladen. Mit Mühe ergattere ich einen Platz auf dem Zusatzfahrzeug und kann so wenigstens unsere Velos im Auge behalten.


…können wir denen trauen?

Auf der Weiterfahrt merke ich dann, dass ich weder chinesisches Geld noch ein Telefon dabei habe. Ich male mir schon aus, wie ich wohl Rosa Maria im riesigen China wiederfinden würde, wenn die Fahrzeuge nicht ans gleiche Ziel fahren würden. Als mein Pick-up am Ziel ankommt, muss ich nur eine Viertelstunde warten, bis auch der Minibus von Rosa Maria ankommt. Ulugqat, eine grössere Provinzstadt etwa 100 km vor Kashgar, ist die erste chinesische Stadt, mit der wir Bekanntschaft machen. Wir staunen, wie modern diese ist: Breite Strassen, grosse moderne Gebäude und viele Menschen, die flanieren, sei es zu Fuss oder auf Elektro-Rollern. Der Autopark besteht hauptsächlich aus modernen Fahrzeugen und ist vergleichbar mit dem unsrigen. Mit Hilfe eines Passanten suchen wir ein Hotel und werden beim zweiten Anlauf fündig. Das Zimmer ist zwar so klein, dass wir kaum unser Gepäck hineinkriegen, aber wenigstens hat es wieder einmal ein richtiges Bett. Dann gehen wir zusammen mit unserem Helfer essen und ob der Begeisterung über das riesige Angebot, „fressen“ wir uns durch die halbe Speisekarte. Was für ein Gelage, nach all den Wochen gastronomischer Askese. Zurück im Hotel erwartet uns ein fetter Polizist, der unsere Pässe sehen will. Was er sonst noch will, ist uns unklar. Wir verziehen uns in unser Zimmer und machen uns schlafklar, als es an die Türe klopft. Draussen stehen diesmal zwei Polizisten. Die weibliche Beamtin kann ein wenig Englisch und gibt uns zu verstehen, dass wir aus dem Hotel ausziehen müssten (in China dürfen Ausländer nur in Hotels mit spezieller Zulassung absteigen). Wir stellen uns taub. Auch als die Frau vom Hotel-Empfang uns den Zimmerpreis zurückzahlen will, fahren wir fort unsere Zähne zu putzen. Nach einer Weile des Kräftemessens geben die Polizisten auf, und die Beamtin verabschiedet sich mit der Aufforderung „sleep“.

Am nächsten Morgen satteln wir unsere Räder und machen uns auf Richtung Kashgar. An jeder Kreuzung beginnt das grosse Rätselraten, wo es weitergeht. Die Schilder sind nur in chinesischer – und als Konzession an die einheimische, uigurische Bevölkerung – in arabischer Schrift beschrieben. Rosa Maria hatte sich in weiser Voraussicht von einem englischsprechenden Einheimischen das Wort „Kashgar“ in chinesischer Schrift aufschreiben lassen, so dass wir wenigstens diese Angabe entziffern können. Zum Glück besteht das Wort nur aus vier Zeichen!

Der erste Teil der Strecke geht durch dünnbesiedeltes Gebiet, aber es scheint mir, dass an allen Ecken gebaut wird. Wo der Boden nicht landwirtschaftlich genutzt wird, ist er von Baumaschinen zerfurcht oder aufgetürmt.


…chinesische Landschaft vor Kashgar


…was unterscheidet sie von Appenzeller Kolleginnen?

Gegen Kashgar zu häufen sich die Dörfer und entlang der Hauptstrassen stehen in dichten Reihen die Verkaufsstände von Händlern, Restaurants und Autowerkstätten, belagert von kauflustigen Passanten und sonstigen Müssiggängern.

Das letzte Stück vor Kashgar legen wir auf der Autobahn zurück. Vor einer Zahlstelle hat es eine schmale Ausfahrt mit einer „Velofahrer-Tafel“. Wir trauen dem Angebot nicht und bleiben auf der Autobahn, auf deren Pannensttreifen wir uns recht geborgen fühlen. An der Schranke der Zahlstelle werden wir dann bestimmt zur Velo-Ausfahrt zurückgeschickt. Geknickt fügen wir uns in unser Schicksal, stellen dann nach 200 m Veloweg jedoch erleichtert fest, dass dieser wieder in die Autobahn mündet und nur zur Umfahrung der Zahlstelle dient.


…wir dürfen nicht bezahlen

Bei der Einfahrt zeigt sich Kashgar als weitgehend neu gebaute Stadt. Grosse, mehrstöckige Häuser haben die alten Lehmbauten verdrängt. Auf den breiten Strassen herrscht dichter Verkehr, mit sehr vielen elektrisch betriebenen Scootern. Lastwagen gibt es nur sehr wenige in der Stadt. Die riesigen Mengen velofahrender Chinesen, die noch mein verstaubtes Chinabild prägen, sind verschwunden. Wir gehören als nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmer auch hier zu einer exotischen Minderheit, die wenig zuvorkommend behandelt wird. Vor allem die lautlosen Roller, die uns umschwirren und bedrängen, jagen uns etliche Schrecken ein.

Nach vielen Wochen in Homestays und im Zelt ziehen wir wieder einmal in ein ausgewachsenes Hotel ein. Ursprünglich vor mehr als hundertzwanzig Jahren als russisches Konsulat in Kashgar gebaut, wurde es später in ein Hotel umfunktioniert.


…an der Schwelle zu verblichenen Luxus

Die besten Zeiten hat es längst hinter sich, aber immer noch verfügt es über fliessendes, warmes Wasser. Kaum zu beschreiben die Wohltat, wieder einmal unter einer warmen Dusche zu stehen und sich langsam all die Schichten von Staub, Schweiss und Dreck wegspülen lassen. Die wunderbaren Erinnerungen an das Erlebte trägt das Wasser zum Glück nicht fort!

 

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Freuden und Leiden der letzten Tage auf dem Pamir-Highway

In Murghab wohnen wir im gleichen Guesthouse wie Angela und Stef, die wir bereits von Khorog und Bulunkul kennen. Sie gehören zu jenem liebenswürdigen Schlag von Veloreisenden, mit denen der Gedankenaustausch leicht fällt und wir uns wohl fühlen. Angela ist Engländerin, eine grosse, sehr aparte und sportliche junge Frau. Zuletzt hat sie mit Stef in Wien gelebt und gearbeitet. Er ist in Frankreich geboren, seine Eltern stammen aus Polen. Es ist rührend, wie liebevoll Stef mit Angela umgeht. Er hat uns verraten, dass sie beide im nächsten Jahr heiraten werden. Als Angela in Uzbekistan krank gewesen und ohnmächtig umgefallen sei, habe er sich gefragt, was er ohne Angela wäre. Dann habe er ihr kurzerhand einen richtigen Antrag gemacht, den sie angenommen habe.

Wieder zuhause, werde ich an einem nebligen Novembertag die Fortsetzung ihrer Geschichte in ihrem Blog nachlesen, so wie ich es mit ein paar weiteren Reisebekanntschaften machen werde.

Ausgangs Murghab

Als wir in Murghab am Donnerstag, 11. August, abreisen, freuen wir uns über den starken Rückenwind, der uns fast Flügel gibt. Doch die Freude ist von kurzer Dauer. Nach ein-zwei Stunden dreht der Wind und behindert unsere Fahrt je länger je mehr. Im Laufe des Nachmittags wird er so stark, dass er mir fast den Atem nimmt. Oder ist es die Höhe, die ich doch bisher recht gut vertragen habe? Trotz meiner Unsicherheit über den Grund der Atemprobleme entschliesse ich mich, Diamox zu nehmen. Dies ist ein Medikament zur Behandlung oder Vorbeugung der Höhenkrankheit. Aber vielleicht ist es bei mir nicht in erster Linie die Höhe, sondern ich habe ähnliche Atemprobleme wie meine Mutter sie hatte. Immer wieder hatte sie Wasser auf der Lunge, was sie beim Atmen behinderte. Je länger dies unbehandelt blieb, umso mehr verlor sie ihre Lebensfreute und wurde richtiggehend melancholisch. Oft denke ich in diesen Tagen an sie. Jetzt kann ich mir viel besser vorstellen, wie bedrückend und bedrohlich es ist, wenn man nicht mehr genügend Luft zum Atmen bekommt. Vielleicht hätte ihr Diamox auch helfen können. Ich entscheide für mich, das Medikament während der nächsten Tage regelmässig zu nehmen, da es mir mindestens teilweise hilft.

Doch auch ohne Atemprobleme und ohne Gegenwind ist die Etappe bis zur kirgisischen Grenze ein harter Brocken. Der Ak Baital-Pass ist mit seinen 4655 m.ü.M. der höchste Pass, den wir auf dem Pamir-Highway zu überwinden haben.

Überraschendes Wiedersehen mit Bianca und Florian

Bianca und Florian, die wir vor ein paar Monaten in Samarkand trafen und die uns gerade hier mit ihrem selbst gebauten Offroader entgegenkommen, warnen uns vor dem schlechten Zustand der Passstrasse, machen uns aber gleichzeitig Mut. Wir kennen uns kaum, und doch ist das Wiedersehen sehr herzlich. Ich biete mit meinen verschwitzten staubigen Kleidern und den von Wind und Sonne aufgesprungenen Lippen wohl ein erbarmungswürdiges Bild. Doch das spielt jetzt keine Rolle. Wir umarmen und verabschieden uns und hoffen auf ein Wiedersehen, vielleicht in China.

Mir macht die schlechte Strasse dann wirklich zu schaffen. Es ist sehr anstrengend, das Velo im groben Schotter aufwärts zu schieben. Fahren ist auch für Reto schliesslich nicht mehr möglich.

Die letzten 500 m vor dem Pass sind wirklich so steil und schlimm, dass wir zu zweit ein Velo nach dem anderen schieben müssen. Ich brauche mehrere Verschnaufpausen. Oben angekommen, sollte das Leiden eigentlich ein Ende haben, doch auch die Abfahrt ist alles andere als lustig, und wir kommen nur langsam vorwärts.

Auch nach der Passhöhe dominieren Schotter und loses Geröll

Gut 25 km trennen uns vom nächsten Abschnitt, auf dem die Strasse wieder geteert sein müsste. Doch dieses Ziel erreichen wir heute nicht mehr. Wir sind beide müde und haben kalt. Wir halten Ausschau nach einem Bach mit sauberem Wasser und einem Platz fürs Zelt. Erfolglos. Da beschliessen wir, umzukehren und ein paar Kilometer bis zu einer der Jurten zurückzufahren, die wir auf etwa 4300 m.ü.M. passiert haben. Dort angekommen, heissen uns zwei Frauen in ihrer „Alphütte“ willkommen. Wir bekommen heissen Tee und Brot mit Yak-Butter und Zucker. Rasch erwärmen wir uns und kommen wieder zu Kräften.

Unser Zelt neben den «Jurten» (der Lastwagen wird zum Rücktransport der mobilen Hütten im Herbst verwendet)

Da wir gerne in „unseren eigenen vier Wänden“ schlafen, stellen wir neben der Jurte unser Zelt auf. Am anderen Morgen geniessen wir die vor unseren Augen frisch zentrifugierte Butter und heisse Yak-Milch.

Aus erwärmtem Rahm wird Butter

Mmmh, so fein schmeckt frische Yak-Butter! (Enkelin unserer Gastgeber, die z.Z. bei ihnen in den Ferien ist)

Gestärkt nehmen wir die restlichen knapp 50 km unter die Räder, die uns noch vor Karakul, dem höchstgelegenen See Zentralasiens, trennen. Wir haben vor, hier ein paar Tage Pause zu machen und einen Ausflug zum westlichen Seeufer zu unternehmen.

Ankunft in Karakul (rechts der chinesische Grenzzaun)

Karakul (oder Karakol oder Karaköl) ist ein Name, der uns noch öfter begegnen wird. Übersetzt heisst das „Schwarzer See“. Dieser See hier liegt auf 3914 m.ü.M. und ist vor ca. 10 Millionen Jahren durch einen Meteoriteneinschlag entstanden. In Murgab haben wir einen jungen Geologen aus Japan kennengelernt, der uns aus wissenschaftlicher Sicht von diesem Ort erzählt hat. Er kommt diesen Sommer bereits zum dritten Mal zum Karakul, wo er einsame Feldforschung betreibt und Gesteinsproben sammelt. Drei Wochen lebt er jeweils im Zelt am See. So ein Studienobjekt könnte mir auch gefallen, meint Reto.

Unser Homestay

Wir habens etwas bequemer und wohnen im Dorf Karakul im Homestay von Saadat, einer recht eigenwilligen Frau mit einem sympathischen, pfiffigen Mann.

Sie ist eine wirklich gute Köchin, und er geht ihr bei der Betreuung der Gäste grosszügig zur Hand. Gute Voraussetzungen für einen angenehmen Aufenthalt. Doch am ersten Tag in Karakul fühle ich mich alles andere als wohl. Ich möchte am liebsten nur weg von hier, so schnell als möglich. Teils ist sicher die Anstrengung der letzten Tage dafür verantwortlich, teils die Höhe, die mir manchmal noch immer Atemprobleme verursacht. Dann macht das Dorf selber einen desolaten, erbarmungswürdigen Eindruck auf mich. Ich kann mir nicht vorstellen, hier mehr als nur eine Nacht zu verbringen. Die Menschen tun mir leid, die Sommer und Winter in dieser Höhe leben, oft einem heulenden Wind ausgesetzt und den brennenden Strahlen der Sonne sowie den grossen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht. Im Winter muss es noch viel bedrohlicher sein, hier zu leben. Ausserdem finde ich die ganze Siedlung hässlich und sehe nur Armut und Verlassenheit.

 

Sie haben mich wieder versöhnt mit Karakol

… und auch er

Karakol hat auch eine Moschee

Aber schon am nächsten Tag verändert sich mein Eindruck, und ich entdecke fröhliche Kinder, schalkhafte alte Männer, interessante Häuser und Strassenzüge und die unwahrscheinlich schöne Lage des grossen dunklen Sees, umrahmt von felsigen Hügelzügen und hohen Schneebergen.

Spaziergang am Karakol

Unterwegs zum Westufer

Ich geniesse den geplanten Ausflug zum Seeende. Mit wenig Gepäck radeln wir querfeldein weitab von Strassen, Verkehr und Menschen. Nach ein paar Stunden auf manchmal kaum noch sichtbaren Fahrspuren erblicken wir den westlichen Arm des Sees, der durch eine bergige Halbinsel abgetrennt ist. Dunkelblau liegt er da unter grossem blauem Himmel, der mit weissen Wolken übersät ist. Welch prachtvoller Anblick!

In dieser Nacht machen sich Probleme mit den Reissverschlüssen unseres Zeltes bemerkbar. Der puderfeine Staub setzt sich in den Gleitern fest, und die Verschlüsse schliessen nicht mehr richtig. Manche öffnen sich gleich wieder hinter dem Gleiter. Einer der zwei Eingänge ist nicht mehr benutzbar, da sich hier der Verschluss gar nicht mehr öffnen lässt. Mit viel Geduld und Glück gelingt es uns, alle kritischen Reissverschlüsse zu schliessen.

Mein Velo hat der Wind schon am Nachmittag umgeblasen

Die Nacht im Zelt ist kalt, und wir benötigen neben dem Schlafsack mehrere Schichten von Kleidern, damit wir nicht frieren. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn wir bei dieser Kälte das Zelt nicht richtig schliessen könnten, wenn sich dem Wind Angriffsflächen und Schwachstellen böten. Wir überstehen die Nacht trotz Kälte und Bedenken gut.

Sicher wiederhole ich mich, wenn ich vom unendlichen Sternenhimmel im Pamir schwärme. Es ist unbeschreiblich schön, so nahe am Himmel, den Sternen, der Milchstrasse zu sein – auch das eine Entschädigung für manche Entbehrung.

Da unten unser Zelt. Es hat Wind und Wetter getrotzt und uns vor Kälte geschützt.

Wir beschliessen, noch mindestens einen weiteren Tag in Karakul zu bleiben. Wir wollen das Zelt so gut als möglich vom Staub befreien und die nicht mehr funktionierenden Reissverschlüsse reparieren. Zu zweit trennen wir Nähte auf, wechseln Gleiter aus, heften die einzelnen Teile mit Sicherheitsnadeln zusammen und nähen sie in mühsamer Kleinarbeit („Niffelibüez“) wieder zusammen. Am Schluss funktioniert alles wieder, und wir sind froh, dass wir nicht mehr allzu viele kalte Nächte in diesen Höhen im Zelt verbringen werden. Kirgistan und China mit milderen Temperaturen erwarten uns.

Ein lebendes Marco Polo-Schaf haben wir leider nie gesehen, doch wurden wir immer wieder mit Geweihen von gewilderten Tieren konfrontiert, wie hier am Ufer des Karakul. Diese majestätischen Tiere sind vom Aussterben bedroht und seit mehreren Jahren geschützt, doch noch immer werden sie gejagt.

Am Morgen, als wir Karakul verlassen, sind die umliegenden Berge frisch verschneit. Ein schöner Anblick, doch er erinnert uns daran, dass im östlichen Pamir Herbst und Winter schon Ende August nahe sind. Heute schmilzt die Sonne den Zauber schnell weg. Wir fahren über die letzten zwei Pässe vor der Grenze zu Kirgistan, den Uy Bulak mit 4232 und den Kizil Art mit 4290 m.ü.M. Diese sind nicht mehr so anstrengend wie der vorherige, und wir kommen gut vorwärts. Auch wenn wir viel geschwitzt, gefroren, gekämpft und gelitten haben, so fällt uns der Abschied von Tadschikistan, vor allem vom Pamir, schwer. Werden wir wiederkommen….? Es gäbe noch so manches Seitental zu erkunden, andere Routen zu fahren, Berge und Pässe zu erklimmen. Ob wir in ein zwei Jahren nochmals diese Energie aufbringen können? Das Träumen davon kann uns niemand nehmen.

Willkommen Kirgistan!

Willkommen Asphalt!

Zwischen dem tadschikischen und kirgisischen Zoll stellen wir in einem breiten grünen Flusstal auf 3560 m.ü.M. das Zelt auf.

Unser erster Zeltplatz in Kirgistan

Die Überraschung ist gross, als ich auf der Wiese Enziane, Edelweiss und weitere Blumen entdecke. Zwar sind schon die meisten Blumen zu dieser Jahreszeit verblüht, doch auch so ist die Freude riesig, nach der kargen Landschaft des Pamirs so viel sattes Grün, so viele bunte Blüten zu sehen. Wie schön muss es erst im Frühsommer hier aussehen!

Edelweiss

Nachdem wir den krigisischen Einreisestempel erhalten haben, macht uns ein freundlicher Zollbeamter lächelnd Zeichen, dass wir weiterfahren können, ohne dass er auch nur einen Blick in unser Gepäck geworfen hätte. Wir sind erleichtert und radeln frohen Mutes hinunter nach Sary Tash.

Rechts unser Guesthouse in Sari Tash

Hier heisst unsere „Schlummermutter“ Eliza, auch sie eine gute Köchin. An der Tankstelle wechseln wir 50$ in kirgisische Som und erkunden die Lebensmittelgeschäfte im Dorf.

Das Hauptangebot in den Läden, die hier „Magasin“ heissen, besteht zum grössten Teil aus Alkoholika, Zigaretten und Süssigkeiten, doch zu unserer grossen Freude finden wir auch frische Früchte: Trauben, Äpfel und sogar Zwetschgen, mit denen ich ein süsses, mit Zimt gewürztes Kompott koche. Wir geniessen es am Abend zum Dessert und zusammen mit dem Milchreis, den Eliza zum Frühstück für ihre Gäste kocht.

Zurück nach Korogh auf dem Pamir-Highway wärens 544 km

Ein Kirgise, zu erkennen an seinem hohen Filzhut, holt Wasser

Wir bleiben ein paar Tage, machen einen Ausflug nach Sary Mogul (auf schwarz glänzender, frisch asphaltierter, breiter und schöner Strasse!), freuen uns über die im fruchtbaren Tal weidenden Yaks, Ziegen, Schafe und Kühe, geniessen den Ausblick auf Pik Lenin mit seinen über 7000 m und lassen uns von einer freundlichen Familie in einem kleinen Imbiss am Markt mit einem bunten Gemüsegericht und Spiegeleiern verwöhnen.

Begegnung in Sari Mogul

Pik Lenin

Die Rückfahrt nach Sary Tash ist das reinste Vergnügen, werden wir doch auf der spiegelglatten Strasse vom Rückenwind fast getragen.

Morgen gehts weiter in der gleichen Himmelsrichtung. Hoffentlich bleibt uns der gute Wind auf dem Weg zum Irkeshtam-Pass treu!

 

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