Von Jelondy nach Murghab

Nach Jelondy fahren wir auf guter Strasse weiter das Tal hinauf. Auf einem steileren Stück hören wir hinter uns Stimmen und kurz darauf überholt uns ein junges Schweizer Pärchen, das zusammen mit uns in einem Guesthouse in Khorog logierte. Es ist eine der wenigen Zufallsbekanntschaften mit anderen Radfahrern auf unserer Reise, mit denen keine spontane herzliche Beziehung entstand. Wir lassen die beiden in aller Ruhe ziehen und trösten uns damit, dass wir vielleicht ihre Grosseltern sein könnten, und sie auch kaum die Hälfte soviel Gepäck herumschleppen wie wir.
Kurz darauf hört der Asphalt auf und wir wissen, dass es nun ans Eingemachte geht. Unser erster Pass über 4000 m steht uns bevor (der Koitezek mit 4270 m). Jetzt wird sich zeigen, ob wir diese Höhe ohne grössere Probleme ertragen und weiter auf dem Pamir-Highway (M41) nach Kirgistan fahren können. Dass wir nur wegen der körperlichen Strapazen aufgeben würden, befürchten wir nicht mehr – die auf unserer bisherigen Strecke in Tadschikistan überwundenen Pässe haben unser Selbstvertrauen erheblich gestärkt.


Aufstieg zum Koitezek-Pass

Mit ein paar Pausen zur Beruhigung unseres rasenden Atems und unserer zitternden Beine kommen wir denn auch glücklich oben an. Wir sind jetzt auf einer Hochebene und sehen zwischen den umliegenden Hügeln die hohen Schneeberge des südwestlichen Pamir.


Glücklich im Hochland des Pamirs

Die Temperatur hier oben ist sehr angenehm und erlaubt es, den Fahrtwind mit T-Shirt und kurzen Hosen zu geniessen. Der äusserst spärliche Verkehr lässt das Gefühl aufkommen, völlig alleine in dieser kargen Natur zu sein. Wir fühlen uns dem Himmel nahe. Einzig die schlechte Naturstrasse zwingt unsere Blicke, sich vom verlockenden Panorama abzuwenden.
Wir überqueren noch einen zweiten kleinen Pass, um in tiefer gelegenes Gebiet zu kommen, und schlagen dann unser erstes Nachtlager im Pamir-Hochland auf. Glücklicherweise haben wir kurz vorher einen deutschen und einen italienischen Motorradfahrer getroffen, die uns fürsorglich ihre ganzen Wasserreserven schenkten. Wieviele ausserordentliche Leute wir auf unserer Reise schon getroffen haben!
Die Nacht ist bezüglich Höhenanpassung des Körpers die kritische Phase. Rosa Maria übersteht sie ohne Probleme, ich schlafe ziemlich schlecht. Wenn ich nach einer Wachphase kurz vor dem Einschlafen bin und sich die Atmung verlangsamt, verspüre ich einen Moment der Atemnot und werde wieder hellwach. Auch stellt sich heraus, dass mein Schlafsack für die kalten Nächte im Zelt nicht ausreichend ist.
Am nächsten Morgen fahren wir weiter und biegen dann vom Pamir-Highway Richtung Bulunkulsee ab. Die Strasse bis Bulunkul ist zwar furchtbar schlecht, aber der See ist wunderbar in einer farbenreichen Felslandschaft gelegen.


…ab und zu ist einfacher neben der Strasse

Nach einem üppigen Frühstück im Homestay des Dorfes fahren wir zum See und suchen uns einen schönen Platz zum Zelten. Gegen Abend plagen uns ein paar Moskitos, die sich anscheinend auch in dieser Höhe wohl fühlen, aber sonst ist es sehr idyllisch.


am Bulunkulsee


am Bulunkulsee


am Bulunkulsee


farbige Felslandschaft am Bulunkulsee

Die nächsten zwei Tage nehmen wir es gemütlich und machen kleinere Ausflüge in der Umgebung und besuchen einen höher gelegenen See, wo es schon wieder eine Thermalquelle hat. Sie ist in einem primitiven Häuschen untergebracht und die Wassertemperatur ist sogar für mich erträglich. Am nächsten Tag treffen wir im Homestay von Bulunkul viele bekannte Velofahrer aus Khorog, die unabhängig voneinander und auf unterschiedlichen Pfaden hierher gekommen sind. Auch der sympathische und hilfsbereite Motorradfahrer aus Italien stellt sich ein. Man begrüsst sich mit einer Herzlichkeit, die man sonst kaum alten Bekannten schenken würde.

Nach dem Abschied vom Bulunkulsee fahren wir zum Pamir-Highway zurück und biegen dann kurz darauf Richtung Kharbush-Pass ab. Dieser Pass führt ins Wakhantal, das wir aus Angst vor der miserablen und steilen Strasse gemieden haben. Wir möchten uns selbst ein Bild machen, wie schlecht die Strasse wirklich ist. Nach zwei Kilometern und ein paar knapp vermiedenen Stürzen geben wir auf. Der Strassenbelag ist wegen der Passagen mit kaum erkennbarem, feinsten Sand so tückisch, dass wir das Experiment abbrechen. Aber die Versuchung, diesen Teil des Pamirs per Velo zu befahren, geistert immer noch in den hinteren Regionen unseres Hirns herum.

Wir setzen unsere Reise auf der asphaltierten M41 fort und gelangen gegen Abend nach Alichur. Es ist eines der drei Dörfer im hochgelegenen Teil der M41. Mit Hilfe einer jungen Frau, respektive der Tochter ihrer Englischlehrerin, klappern wir ein paar Dorfläden auf der Suche nach Schockoriegeln ab und werden schlussendlich auch fündig. Diese Läden haben ein minimales Angebot, hauptsächlich an Süssigkeiten, Zigaretten und vielleicht offenem Reis und Teigwaren. Die Tochter der Englischlehrerin empfiehlt uns dann auch noch eine Gegend zum Campieren, wo wir auf einem knapp zeltgrossen Inselchen einen nicht sehr praktischen, aber äusserst romantischen Platz finden.


Zelten auf der Insel

Am nächsten Tag fahren wir weiter, zuerst durch das Alichur-Tal, dann durch eine zunehmend wilder werdende Felslandschaft. Das Mittagessen nehmen wir in einem einsam stehenden „Restaurant“ ein, dessen Spezialität Fische aus einer heiligen (?) Quelle sein sollen. Während ich mich mit den üblichen Spiegeleiern begnüge, versucht Rosa Maria aus den reichlich vorhandenen Gräten etwas essbares zu picken. Vielleicht ist diese Speise eher für Asketen gedacht.


…weiter ostwärts auf der M41

Gegen Abend finden wir einen Bauernhof und bitten den Besitzer, auf seiner hinter dem Hof liegenden Weide zelten zu dürfen. Während sich Rosa Maria ans Nachtessen macht und ich das Zelt aufstelle, sind wir bald von einer Vielzahl von Tieren umgeben, die für die Nacht von den umliegenden Weiden in die Ställe des Hofs zurückgebracht werden. Uns gefallen vor allem die majestätischen Yaks mit ihrem Zottelfell. Besonders lustig treiben es die Jungen, die wie ein Rudel Hunde herumtoben und sich wilde Verfolgungsjagden über Stock und Stein liefern.


er darf nicht ins Zelt

Auf der nächsten Tagesetappe gelangen wir nach Murghab, dem grössten Dorf im Hochland. Ein Stück vorher tut sich ein breiteres, flaches Seitental auf. Weit hinten am Horizont sieht man im Dunst schemenhaft einige Berge. Gemäss Karte wäre es möglich, durch dieses Tal auf Umwegen nach Murghab zu gelangen.


das lockende Seitental

Kurz entschlossen biegen wir ab. Nach einer Weile werden wir von einem vorbeifahrenden Führer eines Jeeps mit Schweizer Gästen aufgeklärt, dass wir eine 60 km lange Schotterstrasse ohne Wasser vor uns hätten und es nicht sicher ist, ob wir an deren Ende einen grösseren Fluss zu durchqueren hätten. Wir kehren geknickt auf die Hauptstrasse nach Murghab zurück. Als kleine Kompensation für das verpasste Abenteuer, fliege ich auf dem Rückweg beim Versuch, ein trockenes Flussbett in einer Schussfahrt zu durchqueren, in hohem Bogen auf die Nase.

Die Einfahrt ins Dorf Murghab bietet keinen erhebenden Anblick. Weit verstreut liegen die heruntergekommenen Häuser an einer kahlen Bergflanke, dazwischen Bauruinen aus älteren und neueren Epochen. Der Bazar ist eine Ansammlung ausrangierter Transportcontainer, die zu Ladengeschäften umfunktioniert wurden. Windböen wirbeln vom kahlen Boden grosse Staubwolken auf und jagen sie durchs Dorf. Und wie ist es wohl im Winter hier, bei den fast arktischen Temperaturen und kaum isolierten Häusern ohne rechte Heizung? Die Vorstellung, auf Dauer in dieser trostlosen Umgebung leben zu müssen, fällt mir schwer. Wie siehts wohl für die Leute aus, die ihr ganzes Leben hier verbringen müssen und nicht einfach wie wir weiterreisen können?


Murghab


Murghab


Basar von Murghab


Molkerei im Basar
Es gibt aber auch Initiativen, wie diejenige der französischen ACTED, die versuchen, die kulturelle Identität und die wirtschaftliche Unabhängigkeit der hiesigen Bevölkerung zu verbessern und ihnen Kommunikationsmöglichkeiten mit der Aussenwelt zur Verfügung zu stellen. Ein besseres, schöneres Leben ist diesen Menschen von Herzen zu wünschen!


im kargen Pamir blühen auch Blumen

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Unterwegs auf dem Pamir-Highway

Am Sonntag, 31. Juli brechen wir in Korogh auf. Mit den fertig beladenen Velos gehen wir um 10 Uhr ein letztes Mal ins Internetcafé. Wir haben die Hoffnung, dass wir endlich die Berichte und Fotos seit Duschanbe hochladen können. Doch auch heute werden wir enttäuscht. Kein Signal, d.h die ganze Gegend ist noch immer ohne Internetverbindung. Wir wollen nicht noch einen Tag mit Warten verbringen, sondern lassen Korogh hinter uns zurück. Wir fahren im Gunt-Tal ostwärts auf dem „Pamir-Highway“, so wird die M41 zwischen Korogh und der kirgisischen Grenze genannt, welcher über weite Strecken asphaltiert und recht gut ausgebaut ist, dies vorallem auch daher, weil es eine wichtige Verbindung für die Lastwagen zwischen China (über den Kulma-Pass) und Tadschikistan ist.

Schweren Herzens haben wir auf die Fahrt übers Wakhan-Tal verzichtet. Die Weiterfahrt ab Langar über den Karbush-Pass wage ich mir nicht zuzumuten. Ich fürchte, dass der lange Aufstieg zum Pass mit stundenlangem Schieben durch Schotter und Sand verbunden wäre. Wer weiss, vielleicht kommen wir in ein-zwei Jahren wieder und fahren dann auf dieser Traumstrecke entlang der afghanischen Grenze und geniessen die Sicht auf die Berge des Hindukusch…

Eine ganze Woche sind wir nicht mehr Velo gefahren. Ich bin zum Glück wieder gesund und es macht Freude, unterwegs zu sein, vor allem hier im Pamir. Seit ich Bilder von dieser Region gesehen habe, wünschte ich mir, sie einmal bereisen zu können. Und jetzt sind wir da, sind nach einer Woche Korogh gut erholt und haben viel Zeit für die Reise bis zur Grenze zu Kirgistan (unser Tadschikistan-Visum läuft erst am 29. August ab).

Noch hat es Bäume und Sträucher

Am ersten Tag steigen wir bis auf 2655 m und stellen nach gut 50 km das Zelt auf. Wir haben einen gut geschützten Platz nahe am Fluss gefunden. Waschen und Abwaschen ist so viel einfacher, wenn wir über genügend Wasser verfügen. Zum Trinken haben wir noch gekauftes, in Flaschen abgefülltes Wasser. Das Wasser aus dem Fluss verwenden wir zum Kochen. Wir haben in Korogh unsere Vorräte so vielfältig und gut als möglich aufgestockt. Doch auch so beschränkt sich die Auswahlmöglichkeit für das Nachtessen auf Reis, Spaghetti oder Instant-Nudeln. Diese sind am schnellsten zubereitet. Ich koche 1-2 Liter Bouillon, gebe die Nudeln dazu, und nach ein paar Minuten kann man schon essen. Für die Spaghetti braucht es mehr Wasser und wegen der längeren Kochzeit auch mehr Benzin. Am längsten muss man den Reis kochen, den man hier kaufen kann. Mindestens eine halbe Stunde, bis er geniessbar ist, und etwa eine Stunde, wenn man Milchreis (oder Reisschleim) will. Am liebsten hätten wir jeweils noch etwas Gemüse zum Nachtessen, doch dieses ist hier fast nicht mehr erhältlich. Höchstens ein paar Zwiebeln. Aber am wichtigsten sind für uns die Kohlehydrate. Zum Frühstück gibt es grobe Haferflocken (feine haben wir in ganz Korogh nicht gefunden), die ich jeweils am Abend mit abgekochtem Wasser übergiesse. So zubereitet verlieren sie die anfängliche Bitterkeit. Dazu kommen Weinbeeren, Nüsse und Milchpulver. In den Pausen essen wir meist irgendwelche Schokolade-Erdnuss-Caramel-Riegel, doch sind mir die Süssigkeiten an manchen Tagen richtiggehend „verleidet“, und ich muss mich überwinden, sie zu essen. Aber zusammen mit Brot schmecken sie nicht mehr ganz so süss.

Am zweiten Tag fahren wir bis auf 3570 m. Die Gegend ist nur noch sehr dünn besiedelt. Entlang der Strasse wachsen viele Sanddornbüsche. Ich frage mich, ob die leuchtend orangen Beeren gesammelt werden. Das Pflücken ist fast unmöglich, man verletzt sich immer wieder an den spitzen Stacheln. Doch man könnte einen feinen Brotaufstrich herstellen, der viel Vitamin C enthält.

Unser Zeltplatz in einem breiten, sandigen Flusstal

Hier in der Gegend sollte es heisse Quellen geben, die ich gerne aufsuchen möchte. Ich habe mich in der Distanz verrechnet, und das Dorf Jelondy, wo die Thermen sind, kommt erst bei km 130 (ab Korogh). Wir hatten sie nach etwa 50 km an diesem Tag erwartet. Doch wir müssen noch 30 km weiter. Im ganzen machen wir mehr als 1000 Höhenmeter, bis wir das ehemalige Sanatorium und Heilbad erreichen. Wir quartieren uns in einem einfachen Zimmer ein. Reto kann das Bad nicht geniessen, das Wasser auf der Männerseite ist ganz offensichtlich zu heiss für ihn, um ganz einzutauchen. Für mich ist die Wassertemperatur bei den Frauen zwar anfänglich auch an der Grenze des Erträglichen, doch mit der Zeit ist sie gerade gut für meinen müden strapazierten Körper. Es hat wenig Leute, als ich komme. Eine etwa 40-jährige Frau ist dort, zusammen mit ihren Kindern zwischen etwa 5 und 15 Jahren. Sie ist in Begleitung ihrer sehr alten Mutter. Diese ist sicher über 70 Jahre alt. Mit ihr freunde ich mich ein wenig an. Sie gefällt mir. Sie ist eine richtig schöne alte Frau. Die langen Haare hat sie zu dünnen Zöpfen geflochten und auf dem Kopf festgesteckt. Als ich mich im heissen Wasser auf eine Treppenstufe neben sie setze, wäscht sie mir den Rücken. Dabei wechselt sie die Berührung immer wieder, mal krault sie mir mit den Fingerspitzen über die Haut und mal mit der ganzen Handfläche. Ich geniesse die Zeit im Bad und den Luxus von unbegrenzt fliessendem heissem Wasser. Ich bin wohlig müde und gleichzeitig sehr entspannt und schlafe gut wie schon lang nicht mehr.

Ein Schmuckstück war es ja nicht, das Sanatorium aus sowjetrussischer Zeit…


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