Unterwegs auf dem Pamir-Highway

Am Sonntag, 31. Juli brechen wir in Korogh auf. Mit den fertig beladenen Velos gehen wir um 10 Uhr ein letztes Mal ins Internetcafé. Wir haben die Hoffnung, dass wir endlich die Berichte und Fotos seit Duschanbe hochladen können. Doch auch heute werden wir enttäuscht. Kein Signal, d.h die ganze Gegend ist noch immer ohne Internetverbindung. Wir wollen nicht noch einen Tag mit Warten verbringen, sondern lassen Korogh hinter uns zurück. Wir fahren im Gunt-Tal ostwärts auf dem „Pamir-Highway“, so wird die M41 zwischen Korogh und der kirgisischen Grenze genannt, welcher über weite Strecken asphaltiert und recht gut ausgebaut ist, dies vorallem auch daher, weil es eine wichtige Verbindung für die Lastwagen zwischen China (über den Kulma-Pass) und Tadschikistan ist.

Schweren Herzens haben wir auf die Fahrt übers Wakhan-Tal verzichtet. Die Weiterfahrt ab Langar über den Karbush-Pass wage ich mir nicht zuzumuten. Ich fürchte, dass der lange Aufstieg zum Pass mit stundenlangem Schieben durch Schotter und Sand verbunden wäre. Wer weiss, vielleicht kommen wir in ein-zwei Jahren wieder und fahren dann auf dieser Traumstrecke entlang der afghanischen Grenze und geniessen die Sicht auf die Berge des Hindukusch…

Eine ganze Woche sind wir nicht mehr Velo gefahren. Ich bin zum Glück wieder gesund und es macht Freude, unterwegs zu sein, vor allem hier im Pamir. Seit ich Bilder von dieser Region gesehen habe, wünschte ich mir, sie einmal bereisen zu können. Und jetzt sind wir da, sind nach einer Woche Korogh gut erholt und haben viel Zeit für die Reise bis zur Grenze zu Kirgistan (unser Tadschikistan-Visum läuft erst am 29. August ab).

Noch hat es Bäume und Sträucher

Am ersten Tag steigen wir bis auf 2655 m und stellen nach gut 50 km das Zelt auf. Wir haben einen gut geschützten Platz nahe am Fluss gefunden. Waschen und Abwaschen ist so viel einfacher, wenn wir über genügend Wasser verfügen. Zum Trinken haben wir noch gekauftes, in Flaschen abgefülltes Wasser. Das Wasser aus dem Fluss verwenden wir zum Kochen. Wir haben in Korogh unsere Vorräte so vielfältig und gut als möglich aufgestockt. Doch auch so beschränkt sich die Auswahlmöglichkeit für das Nachtessen auf Reis, Spaghetti oder Instant-Nudeln. Diese sind am schnellsten zubereitet. Ich koche 1-2 Liter Bouillon, gebe die Nudeln dazu, und nach ein paar Minuten kann man schon essen. Für die Spaghetti braucht es mehr Wasser und wegen der längeren Kochzeit auch mehr Benzin. Am längsten muss man den Reis kochen, den man hier kaufen kann. Mindestens eine halbe Stunde, bis er geniessbar ist, und etwa eine Stunde, wenn man Milchreis (oder Reisschleim) will. Am liebsten hätten wir jeweils noch etwas Gemüse zum Nachtessen, doch dieses ist hier fast nicht mehr erhältlich. Höchstens ein paar Zwiebeln. Aber am wichtigsten sind für uns die Kohlehydrate. Zum Frühstück gibt es grobe Haferflocken (feine haben wir in ganz Korogh nicht gefunden), die ich jeweils am Abend mit abgekochtem Wasser übergiesse. So zubereitet verlieren sie die anfängliche Bitterkeit. Dazu kommen Weinbeeren, Nüsse und Milchpulver. In den Pausen essen wir meist irgendwelche Schokolade-Erdnuss-Caramel-Riegel, doch sind mir die Süssigkeiten an manchen Tagen richtiggehend „verleidet“, und ich muss mich überwinden, sie zu essen. Aber zusammen mit Brot schmecken sie nicht mehr ganz so süss.

Am zweiten Tag fahren wir bis auf 3570 m. Die Gegend ist nur noch sehr dünn besiedelt. Entlang der Strasse wachsen viele Sanddornbüsche. Ich frage mich, ob die leuchtend orangen Beeren gesammelt werden. Das Pflücken ist fast unmöglich, man verletzt sich immer wieder an den spitzen Stacheln. Doch man könnte einen feinen Brotaufstrich herstellen, der viel Vitamin C enthält.

Unser Zeltplatz in einem breiten, sandigen Flusstal

Hier in der Gegend sollte es heisse Quellen geben, die ich gerne aufsuchen möchte. Ich habe mich in der Distanz verrechnet, und das Dorf Jelondy, wo die Thermen sind, kommt erst bei km 130 (ab Korogh). Wir hatten sie nach etwa 50 km an diesem Tag erwartet. Doch wir müssen noch 30 km weiter. Im ganzen machen wir mehr als 1000 Höhenmeter, bis wir das ehemalige Sanatorium und Heilbad erreichen. Wir quartieren uns in einem einfachen Zimmer ein. Reto kann das Bad nicht geniessen, das Wasser auf der Männerseite ist ganz offensichtlich zu heiss für ihn, um ganz einzutauchen. Für mich ist die Wassertemperatur bei den Frauen zwar anfänglich auch an der Grenze des Erträglichen, doch mit der Zeit ist sie gerade gut für meinen müden strapazierten Körper. Es hat wenig Leute, als ich komme. Eine etwa 40-jährige Frau ist dort, zusammen mit ihren Kindern zwischen etwa 5 und 15 Jahren. Sie ist in Begleitung ihrer sehr alten Mutter. Diese ist sicher über 70 Jahre alt. Mit ihr freunde ich mich ein wenig an. Sie gefällt mir. Sie ist eine richtig schöne alte Frau. Die langen Haare hat sie zu dünnen Zöpfen geflochten und auf dem Kopf festgesteckt. Als ich mich im heissen Wasser auf eine Treppenstufe neben sie setze, wäscht sie mir den Rücken. Dabei wechselt sie die Berührung immer wieder, mal krault sie mir mit den Fingerspitzen über die Haut und mal mit der ganzen Handfläche. Ich geniesse die Zeit im Bad und den Luxus von unbegrenzt fliessendem heissem Wasser. Ich bin wohlig müde und gleichzeitig sehr entspannt und schlafe gut wie schon lang nicht mehr.

Ein Schmuckstück war es ja nicht, das Sanatorium aus sowjetrussischer Zeit…


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