Mohamad zeigt uns vor der Abreise noch das Dorf Tudeshq. Beeindruckend ist wieder die Wasserversorgung aus den Bergen und die intelligente Bauweise und Anordnung der Häuser, welche überhaupt erst ein Überleben in der Wüste erlauben.
Auf der Strasse Richtung Esfahan erfahren wir wieder, wie anstrengend und gefährlich es ist, mit Gegen- und Seitenwind zu fahren. Es verlangt hohe Aufmerksamkeit und Kraft, damit man auf dem schmalen, oft nicht einmal asphaltierten Pannenstreifen nicht das Gleichgewicht verliert. Zum Glück hat es nicht so viel Verkehr, da heute Freitag ist. Wir sind beide müde, und Reto fühlt sich ganz kraftlos. Ihm ist schlecht. Vielleicht war das feine Essen von Fatemeh seinem Magen doch nicht so bekömmlich. Nach erst 40 km beschliessen wir, das Zelt aufzustellen und uns ein wenig auszuruhen. Am Dorfeingang von Harand gibt es einen ziemlich neu angelegten Park, in welchem sich an diesem arbeitsfreien Tag viele Familien und Jugendliche tummeln. Auf einem für Picknicker vorgesehenen, gedeckten Podest finden wir ein wenig Schatten. Reto versucht zu schlafen, und ich fahre ins Dorf um Wasser, kühle Getränke, Gemüse und Früchten zu kaufen, doch sind fast alle Geschäfter geschlossen. Als ich ratlos vor einem Laden stehe, anerbietet sich ein Mann, mit dem Besitzer zu telefonieren, der kurz darauf vorfährt und für mich öffnet. Es ist immer wieder schön zu erleben, mit wie wenig Worten und Zeichen man sich versteht.
Zurück im Park werden immer mehr Leute neugierig und nähern sich unserem Platz. Ein Mann mit einem Kind bringt uns wortlos Saffranglace mit Rosenwasser, später noch eine ganze Wassermelone. Dann kommen zwei Frauen mit drei Kindern und sprechen uns an. Das grösste der Mädchen ist mir schon vorher aufgefallen. Es ist ca. 12-13jährig, sehr apart angezogen und kurvt elegant zuerst mit Rollschuhen und dann mit einem Mountainbike durch den Park. Es wirkt sehr selbstsicher und scheint die Aufmerksamkeit zu geniessen, die seine aussergewöhnliche Erscheinung auf sich zieht. Wir kommen mit ihrer Mutter, die Kobra heisst und ein paar Worte Englisch spricht, ins Gespräch. Sie und ihre Freundin Zahra versuchen uns zu überzeugen, zu ihnen nachhause zu kommen. Obwohl beide und auch die Kinder sehr sympathisch sind, lehnen wir ab, in erster Linie, weil wir beschlossen haben, hier zu übernachten, und es uns zu umständlich und aufwändig ist, nochmals alles ein- und auszupacken. Die Frauen bleiben bei uns, bieten uns von ihren Knabbereien an und wir ihnen frisch gerüstete Rüebli und Gurken. Die friedliche Situation ändert sich, als ein Junkie zu uns stösst und immer wieder direkt mit mir (nicht mit Reto) spricht. Seine Aufsässigkeit wird mir ziemlich unangenehm. Dann sagt mir Kobra, dass das kein guter Mann sei („he is bad man“). Mir wird langsam etwas bange und so tendiere ich je länger je mehr dazu, die wiederholt geäusserte Einladung anzunehmen. Reto ist einverstanden. Kobra freut sich. Sie lädt all unser Gepäck auf den Pickup und Shirin fährt uns auf ihrem Velo voraus und zeigt uns den Weg zu ihrem Haus. Kaum angekommen, dürfen wir duschen, und die verschwitzten Kleider werden gewaschen. Während Kobra ein spätes Nachtessen kocht, unterhalten wir uns mit ihrem Mann Ali, der ein Gemüsegeschäft führt, und mit Zahras Mann, seinem besten Freund. Shirin spricht schon recht gut Englisch und versucht zu übersetzen, wenn wir etwas nicht verstehen. Für die Nacht wird uns der Wohn- und Essraum angeboten. Unsere Gastgeber und die Kinder sind sehr interessiert, als wir Matten und Kissen aufblasen und zeigen, wie gut wir für die Übernachtungen im Zelt eingerichtet sind.
Nach einer friedlichen Nacht geniessen wir ein feines Frühstück (frisches knuspriges Fladenbrot, double Crème anstelle von Butter, Honig, Baumnüsse, Käse und Kaffee, speziell für uns gebraut!).
Wir haben unterwegs schon so viele liebe Menschen kennengelernt, die ich gerne wiedersehen würde, und es ist immer traurig, Abschied zu nehmen.
Wir fahren weiter über Ezhyeh, Nikabad, Mohamabad durch die Wüste. Es kommt immer mehr Wind auf. Zwischendurch zieht ein Gewitter auf, und es regnet kurz heftig. Wir packen den Regenschutz aus und kauern uns auf den Boden hinter die Velos. Das Weiterfahren ist beschwerlich, da immer wieder starke Windböen von vorne oder der Seite unsere Fahrt behindern. Zum Glück ist es eine gute Strasse mit wenig Verkehr. Für die letzten ca. 15 km vor Shahreza müssen wir auf die stark befahrene Autobahn von Esfahan nach Shiraz. Da hält ein Auto vor uns an. Ein grosser junger Mann steigt aus und wechselt ein paar Worte mit uns und lädt uns spontan nachhause ein. Seine Frau ist ebenfalls ausgestiegen und erklärt, dass sie schon vor ein paar Monaten einen Franzosen beherbergt hätten. Sie ist mir sympathisch. Wir nehmen die Einladung an. Die letzten 10 km bis zu ihrem Haus sind sehr ermüdend, da wir schon vorher über 100 km gefahren sind. Omid und Razieh sind unwahrscheinlich einfühlsame Gastgeber. Wieder können wir als erstes duschen und unsere getragenen Kleider kommen in die Waschmaschine. Früchte, Nüsse und andere Knabbereien werden aufgetischt. Zum Nachtessen gibt es Spaghetti Bolognaise und viele frische Kräuter aus dem Garten. Omid wäre gerne Arzt geworden. Wir verstehen nicht ganz, warum das nicht möglich war. Jetzt ist er Buchhalter in einem öffentlichen Spital. Besonders viel Freude hat er nicht an seiner Arbeit, ganz im Gegensatz zu Razieh. Begeistert erzählt sie von ihrer Arbeit mit Analphabetinnen. Sie ist Lehrerin und bringt einer Gruppe von Frauen zwischen 14 und 48 Jahren das Lesen und Schreiben bei.
Razieh und Omid sind sehr traurig, dass wir nicht mindestens einen Tag länger bei ihnen bleiben. Auch uns macht es traurig, dass wir sie enttäuschen müssen. Einmal mehr erfahren wir, dass es für unsere iranischen Gastgeber die grösste Freude und Ehre wäre, wenn wir mehr als nur eine Nacht bei ihnen blieben.

Shirin, die mutige junge Velofahrerin aus Harand

Fladenbrot mit Frischkaese und den Kraeutern aus Raziehs Garten








