Die Fahrt nach Samarkand


Wir brechen ohne Frühstück vor 6 Uhr auf und verlassen Bukhara Richtung Nordosten. Dass es keine gute Strasse ist, das wissen wir schon aus Berichten von anderen Reisenden. Doch wir sind gut ausgeruht und in der Frühe ist es noch einigermassen angenehm kühl zum Fahren. Nach etwa zwei Stunden kehren wir in einem der Teehäuser an der Strasse ein und essen Brot und Eier, trinken viel Tee mit Zucker und wollen eigentlich grad aufbrechen, als Nicole und Nik eintreffen. Da wir gestern Abend noch zusammen im „Bella Italia“ Pizza gegessen haben, wissen wir, dass sie heute ebenfalls in Richtung Samarkand unterwegs sind. Nik ist noch nicht ganz gesund (er leidet unter Kopf- und Gliederschmerzen) und sie werden langsamer als sonst vorwärts kommen, vielleicht etwa in unserem Senioren-Tempo. So holen wir sie bis zur nächsten Teehaus-Pause auch wieder ein und dann fahren wir bis zur grossen Mittagspause gemeinsam weiter. Als wir nach einem guten Schattenplatz Ausschau halten, entdeckt Reto eine verlassene Gas-Tankstelle, wo nebeneinander mehrere hohe gedeckte Boxen stehen. Sie sind zementiert und sauber, ideal zum Ausrollen der Matten für die Siesta.

Etwa um drei verabschieden wir uns von Nicole und Nik, da wir so etwas wie Rückenwind vermuten. Doch davon ist auf der Strasse nicht mehr viel zu spüren. Es ist noch immer sehr heiss und der Belag ist meist so schlecht, dass man nicht einmal mehr einen etwas weniger schlechten Weg auf dem mit Löchern übersäten Strassenrand finden kann. Strecken mit passablerem Belag sind selten und kurz, aber sie helfen uns, nicht ganz zu verzweifeln. Die Landschaft ist flach und dank Bewässerung landwirtschaftlich genutzt. Wahrscheinlich ist das meiste, was man sieht, Baumwolle. Es gibt auch kleinere und grössere Obstgärten mit Äpfeln und Aprikosen, die jetzt geerntet werden. Bei ca. km 90 stellen wir erstaunt fest, dass es einen grossen internationalen Frachtflughafen hat. Gleich daneben gibt es ein Hotel, wo wir etwas trinken. Wenn es zwei oder drei Stunden später wäre, würden wir hier übernachten (wie es übrigens später Nicole und Nik machen). Aber eigentlich wollen wir lieber vorwärts kommen und noch ein paar Stunden fahren. Am Abend zeigt der Velo-Compi 125 km, für mich eine beträchtliche Leistung. Wir stellen das Zelt in einem Obstgarten auf, wo eine Bauernfamilie im Freien lebt. Sie haben ein paar Hochsitze unter den Bäumen, eine Kochstelle mit einem offenen Feuer und etwas entfernt davon beim Bewässerungskanal eine gemauerte Toilette. Da wir keinen besseren Platz gefunden haben, fragen wir die Leute, ob wir bei ihnen in der Nähe unser Zelt aufstellen dürfen. Sie haben nichts dagegen einzuwenden, und der Mann kommt gleich darauf mit einer Hacke, entfernt ein paar Unkräuter mit Stacheln und ebnet den Platz ein wenig aus. Wir sprechen fast nichts, da wir keine gemeinsame Sprache genügend gut verstehen. Reto stellt das Zelt auf, ich kümmere mich um das Nachtessen. Bald kommt der Mann wieder und bringt uns einen Teller mit kleinen Äpfeln und süssen Aprikosen. Sobald ich kochendes Wasser habe, wasche ich das Obst darin. Wir sind zur Zeit sehr vorsichtig mit unabgekochtem Wasser und mit rohem Gemüse und Früchten, die wir nicht schälen können.
An diesem Abend bin ich sehr müde. Am liebsten möchte ich mich ohne Nachtessen ins Zelt verkriechen und schlafen.
Der nächste Tag wird noch anstrengender. Es ist vielleicht etwas weniger heiss, doch die Strasse wird schlechter als am Vortag. Ein Lichtblick ist die Mittagspause. Wir sind bei einer Familie eingeladen, die ein sehr einfaches Teehaus an der Strasse führt. Als wir uns dem Liegesitz unter einem Baum nähern und fragen, ob wir Tee bekommen können, bittet uns der jung Mann ins Haus. Hier ist die ganze Familie inklusive Besuch um einen niedrigen Tisch versammelt und wir können uns zu ihnen setzen.

Statt nur gerade Tee bekommen wir Suppe und Brot und verschiedene Süssigkeiten. Die 5 Kinder im Alter zwischen etwa 7 und 20 Jahren unterhalten uns auf Deutsch (!) und Französisch (!!). Der älteste Sohn spricht auch ein wenig Englisch. Wir können uns nicht erklären, warum in einem so abgelegenen usbekischen Dorf die Kinder diese Sprachen in der Schule lernen. Eines der Mädchen ist gehörbehindert, aber sehr aufmerksam und vif. Wenn es spricht, dann sehr laut. Vielleicht hat es sich noch nicht an sein Hörgerät gewöhnt. Nach dem Mittagessen fragt es mich, ob ich nicht duschen möchte. Es führt mich in den Hof und erklärt mir – wieder auf deutsch –  dass sie Kühe und andere Tiere haben. Die Dusche ist sehr einfach und besteht aus einer Brause, die an einer niedrigen Decke befestigt ist. Das Wasser ist lauwarm von der Sonne. Ich freue mich sehr, dass ich hier duschen darf. Anschliessend kommt auch Reto dran, und dann legen wir uns auf die Teppiche und Kissen neben dem Esstisch und schlafen etwa zwei Stunden. Aus Buchara haben wir noch Kandiszucker und eine Dose besonders guten Schwarztee. Diese Geschenke werden gerne angenommen, aber auch gleich wieder verteilt. Der zu Besuch weilenden Schwester der Mutter wird eine Portion Tee in ein Zeitungspapier gewickelt und mitgegeben. Vom Kandiszucker probieren alle ein wenig, und die nächste Kanne Tee wird gleich mit dem neuen Schwarztee aufgegossen. Und auch uns lassen sie nicht ohne Geschenke weiterreisen. Zuerst bekommen wir eine Glacé und dann auch noch alle Bonbons und Biscuits, die wir nicht gegessen haben.
Da wir bis zur Mittagspause gut vorwärts gekommen sind, möchten wir versuchen, die ganze Strecke bis Samarkand noch am gleichen Tag zu fahren. Gemäss Karte und Distanzangaben würde es ein langer Tag werden, doch es sollte möglich sein. Wir rechnen mit knapp 145 km. Doch wir kommen nur langsam vorwärts. Ich brauche häufige Pausen, in denen ich viel trinke und versuche, mich auszuruhen. Etwa bei Sonnenuntergang, d.h. ca. 8 Uhr sollten wir in Samarkand eintreffen. Wegweiser und Km-Angaben sind auf dieser Strecke sehr selten. Wenn unsere Karte richtig ist, sollten wir bereits in Samarkand sein. Es wird auch schon dunkel. Als wir uns nach dem Weg erkundigen, sind es weitere ca. 20 km bis Samarkand. Ich bin so erschöpft, dass ich es einfach zur Kenntnis nehme und so gut es geht weiterfahre. Reto packt unterdessen die Stirnlampe aus und fährt voraus. Ich prüfe mein Vorder- und Rücklicht und schalte das Blinklicht am Helm ein. Immer wieder müssen wir nach dem Weg fragen. Als wir endlich in der Innenstadt ankommen, ist diese zu meinem Entsetzen hügelig, und ich schaffe es grad knapp im kleinsten Gang, die Steigungen zu bewältigen. Schlimmer jedoch ist der starke Verkehr, die Löcher in der Strasse und die unbedeckten Wasserkanäle zwischen Trottoir und Strasse. Dazu kommt, dass es keine Strassenbeleuchtung gibt und Velos ohne Licht zwischen uns und den Autos kurven. Wir fahren zwei- oder dreimal die gleiche Strecke, da uns niemand mit Sicherheit den Weg zum „Antica“ Bed & Breakfast (Pension) zeigen kann. Inzwischen ist es richtig dunkel geworden und unsere Nerven liegen blank. So vieles könnte in der Dunkelheit passieren. Endlich finden wir einen Taxifahrer, der uns genau zeigen kann, wo wir das „Antica“ finden. Als wir mit unseren vollbepackten Rädern in den Hof hineinfahren, begreift die Chefin rasch, wie es um uns steht, und statt uns in die 5 Minuten entfernte Dépendance zu schicken, überlässt sie uns zum gleichen Preis ein grosses 4er-Zimmer mit Ausgang zum Hof. Aus dem Willkommenstee werden drei Flaschen Bier. Reto stillt seinen gröbsten Hunger mit ein paar Guetzli und ich falle todmüde ins Bett. Als ich feststelle, dass wir in zwei Tagen mehr als 285 km gefahren sind, und das bei Hitze, schlechter Strasse und zusätzlich mehr als 500 Höhenmetern, kann ich es immer noch fast nicht glauben.
Das war eine extreme Erfahrung. Ich bin froh, habe ich sie gemacht, und bin langsam auch ein wenig stolz darauf, dass ich durchgehalten habe. Doch wenn Reto nicht gewesen wäre, hätte ich längst vor Samarkand aufgeben. Dank seiner Unterstützung habe ich jetzt das Glück, meinen 63. Geburtstag in Samakand zu feiern.

Posted in Reiseberichte | 1 Comment

Bukhara

Die Weiterfahrt zur usbekischen Grenze führt uns weiterhin durch flache Wüstenlandschaft. Nur auf den bewässerten Flächen ist Landwirtschaft möglich. Das Wasser stammt aus dem Amu Daria, welcher die Hauptquelle des rasch schrumpfenden Aralsees ist. Unser reichlich fliessender Schweiss kann das Problem kaum mildern, da die Tropfen verdampfen, bevor sie auf den Boden fallen. Nach etwa 30 km erreichen wir den Grenzübergang. Es hat praktisch nur Lastwagen, die den internationalen Güterverkehr abwickeln. Da unsere Abfertigung separat erfolgt, kommen wir relativ zügig durch die beiden Posten. Wir müssen wohl x Mal unsere Pässe und Visa vorweisen und Formulare ausfüllen, aber die Kontrollen sind doch recht lasch. Auch unser Reisebegleiter Vincent atmet nach dem Verlassen Turkmenistans mächtig auf, fehlt ihm doch seine Bargelddeklaration, die er bei der Einreise hätte ausfüllen müssen. Erst mit dieser Deklaration ist es möglich, eingeführtes Fremdgeld aus dem Land auch wieder auszuführen.

Auf usbekischer Seite ändert sich die Landschaft kaum, und die Temperaturen bleiben auf Backofenniveau. Wegen der späten Öffnungszeiten des Grenzübergangs (9 Uhr morgens) sind wir jetzt in der grössten Hitze unterwegs. Pausen sind auch nur an den spärlichen Schattenplätzen möglich, da das Stehen in der prallen Sonne noch unangenehmer ist als das Fahren. Am späteren Nachmittag erreichen wir eine Ortschaft und kaufen Mittagessen und Vorräte für die Übernachtung im Zelt. Unser Mahl dürfen wir in einem benachbarten Restaurant einnehmen, auch wenn wir nur den Tee vom Restaurant beziehen. Während dem Essen merken wir, dass draussen der Wind mächtig auffrischt und kurz darauf bricht ein Gewitter los. Für die Leute vom Dorf ein überraschendes Ereignis in dieser Saison und für uns ein Gottesgeschenk, macht es doch das Fahren etwas erträglicher. Auf der Suche nach einem Zeltplatz biegen wir in eine kleine Nebenstrasse ab und hoffen, so von den Leuten weg zu kommen. Als wir einen Obstgarten mit gemähten Wiesen entdecken, glauben wir uns schon am Ziel. Bald entdecken wir jedoch, dass es noch Landarbeiter im Garten hat und dass hinter Büschen versteckt ein nahes Dorf liegt. So machen wir die vermeintliche Autortätsperson der anwesenden Personen aus und fragen um Erlaubnis, unsere zwei Zelte aufzustellen. Es wird uns ein Platz auf einem Feldweg zugewiesen, der sich später als recht brauchbar herausstellt. Am nächsten Morgen nehmen wir das letzte Stück bis nach Bukhara in Angriff. Wir können unseren Zeitplan wieder selbst bestimmen und fahren früh los. So gelingt es uns, noch vor der grössten Hitze ans Ziel zu kommen. Schon bei der Einfahrt in die Stadt besticht Bukhara durch seine weithin sichtbaren Kuppeln von Moscheen und Minarette. Am Rande der Altstadt liegt der Ark. Es ist eine Festung mit dicken, tonnenförmig ausgewölbten Mauern. Der Ark war Regierungssitz einer Reihe von Emiren, welche Bukhara von Mitte des 18. bis anfangs des 20. Jahrhunderts regierten. Ihr Herrschaftsgebiet umfasste nicht nur die Stadt selbst, sondern auch deren Umland. Berühmt wurden einzelne dieser Emire, da sie nicht nur den Expansionsgelüsten des zaristischen und später sowjetischen Russlands Widerstand leisteten, sondern auch denen des viktorianischen Englands. Auch wenn Bukhara eine sehr religiöse Stadt mit einer Vielzahl von Moscheen und Koranschulen war, kursieren viele Legenden über die Grausamkeit und Eitelkeit vieler dieser Emire. So wurden anscheinend zwei Abgesandte der Queen Viktoria nach mehrjähriger Gefangenschaft hingerichtet, weil sie sich nicht protokollgemäss verhalten hatten und den herrschenden Emir nicht als ebenbürtig mit der Queen behandelten. Vor der Zeit der Emire gehörte Bukhara zu Persien und war eine der Hochburgen von Wissenschaft und Kunst. Die Stadt war auch bis tief ins 20. Jahrhundert ein Ort der religiösen Koexistenz und hatte, neben anderen religiösen Gruppen, einen namhaften jüdischen Bevölkerungsanteil. All diese Zutaten verleihen der Stadt eine starke Anziehungskraft und unsere Neugierde ist gross. Gleich am Abend unserer Ankunft wird unsere Entdeckungslust jedoch drastisch zurückgestutzt: Beide leiden wir unter starkem Durchfall, bei mir kommen noch Erbrechen und vehemente Krämpfe in beiden Beinen hinzu. Als ich nach 24 Stunden im Bad ohnmächtig zusammenbreche, beschliessen wir einen Arzt kommen zu lassen. Nach kurzer Zeit erscheinen zwei weiss gekleidete, sympathische Personen, eine Frau und ein Mann, beide sehr jung. Der Mann trägt eine Art Kochmütze, was ihn wahrscheinlich als Arzt ausweist. Mit Hilfe des mittelmässig englisch sprechenden Sohns der Hotelbesitzer versuchen wir, den bisherigen Krankheitsverlauf und die Symptome zu schildern. Dann wird entschlossen gehandelt: Der Sohn wird beauftragt, in der Apotheke Medikamente zu besorgen, mir werden zwei Pillen aus der Manteltasche des Arztes verabreicht und er misst mir den Blutdruck. Als der Sohn mit einer Flasche Infusionslösung und einer Schachtel zurückkommt, beginnt die Suche nach einer Schnur, um die Flasche an einer Türe des Zimmerschranks aufzuhängen. Rosa Maria hilft mit unserer Wäscheleine aus. Die Flasche wird mit der Anschlussöffnunng für den Infusionsschlauch nach unten in die Einkaufstüte der Apotheke gestellt und beides zusammen mit der Wäscheleine am Schrank aufgehängt. Durch die Tüte hindurch wird der Stutzen des Infusionsschlauchs in die Flasche gesteckt. Kurz bevor der Arzt die Kanüle des Infusionsschlauchs in meine Vene stechen kann, interveniert Rosa Maria ein zweites Mal und spritzt etwas Merfen aus unserer Notfallapotheke in meine Armbeuge. Der Arzt nimmt es wohlwollend zur Kenntnis und schliesst die Infusion an. Während die Lösung in meinen ausgetrockneten Körper rinnt, untersuchen der Arzt und seine Helferin interessiert unsere gutdotierte Reiseapotheke, und ich meditiere über die Tatsache, dass ich schon mehr als das Doppelte der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Bewohners von Bukhara vor hundertfünfzig Jahren erreicht habe. Am Ende müssen wir die beiden netten Helfer noch überzeugen, eine kleine Entschädigung für ihren Einsatz anzunehmen. Jetzt, drei Tage nach ihrem Besuch, fühle ich mich wieder gut und fast bei vollen Kräften. Ein Teil vom Reiz des Reisens liegt ja darin, dass nicht alles wie zu Hause ist. Nach zwei Tagen Aufpäppeln in unserem mit Klimaanlage gekühlten Hotelzimmer, wagen wir uns dann mit wackligen Beinen auf Streifzüge in der Gluthitze Bukharas. Unser anfänglicher Eindruck über den historischen Kern der Stadt bestätigt sich:  Er ist wirklich schön, und wichtige Teile davon sind sehr geschmackvoll renoviert. Dass er praktisch Autofrei ist und es viele einheimische Velofahrer gibt, verleiht ihm zusätzliche Attraktivität. Einzig die gewaltige Hitze wirkt abschreckend. Sie ist so gross, dass sich der an einzelnen Orten verwendete Bodenbelag aus Steinkacheln stellenweise aufwölbt. Beim Darüberfahren mit dem Fahrrad klappert es wie auf einem Xylophon. Wir werden voraussichtlich noch zwei, drei Tage hier bleiben und dann nach Samarkand, der früheren Rivalin von Bukhara, weiterfahren. Von dort gehts in die Berge nach Tadjikistan, wo uns hoffentlich angenehmere Temperaturen erwarten.




Posted in Reiseberichte | 1 Comment