Nach einer kurzen Nacht gibt es am späten Vormittag im sonnenbeschienen Hof Frühstück.
Farida, die Frau von Aziz, serviert uns Tee. Auf dem Tablett hat es neben Eiern, Tomaten, Gurken, Käse, schwarzen Oliven, Petersilienblättern zwei Schalen mit dickem Traubensirup, in den wir das frische Brot tunken. Im Laufe unseres Aufenthaltes in Urfa erfahren wir nach und nach, dass Farida und Aziz von kurdischen Nomadenfamilien stammen und sich von Kindsbeinen an kennen. Sie sind seit etwa 40 Jahren verheiratet und haben 7 Kinder und schon viele Enkelkinder. Der jüngste Sohn muss gerade seinen Militärdienst absolvieren. Alle hoffen, dass er nicht mit den Natotruppen nach Lybien oder Afghanistan muss. Farida hat nie eine Schule besucht, umsomehr staunen wir, wie gut sie Englisch spricht und versteht.
Aziz will uns heute die Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigen, allen voran den Karpfenteich („Eine zentrale Stätte des Wallfahrtsortes Şanlıurfa ist die Halil-Rahman-Moschee und der Teich des Abraham mit heiligen und unantastbaren Karpfen. Die Legende besagt, dass Gott Abraham, der auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden sollte, errettete, indem er das Feuer in Wasser verwandelte und Glutbrocken zu Karpfen wurden.“) Wir kaufen unterwegs „Kebab Kastanesi“ (schmecken genau so gut wie zuhause unsere heissen Marroni) und schlendern durch den Bazar. Ich kaufe mir eines der für Urfa typischen lila Kopftücher. Diese werden hier von den meisten Frauen, aber auch von einigen alten Männern getragen.
In der alten Karawanserei im Bazar trinken wir mit Aziz Kaffee und er lehrt uns das Backgammon-Spiel. Es macht Spass, auch wenn es allzu offensichtlich ist, dass er mich nicht verlieren lassen will. Später suchen wir uns alleine den Weg durch das Labyrinth der offenen Höfe und gedeckten Gässchen. In einem Hof sind in der Galerie des ersten Stockes der Schneider angesiedelt. Auch viele Knaben arbeiten an den mechanischen Nähmaschinen. Ob sie wohl auch Zeit für die Schule bekommen…? In einem anderen Winkel riecht es nach frisch gesägtem Holz: Schreiner stellen schmucke Kinderwiegen her. Sogar Schmiede findet man im Bazar. In den kleinen Ständen hat es hinten Platz für eine Esse und vorne steht ein Amboss, auf dem allerlei Werkzeug herghestellt wird. Auch hier werden Kinder eingespannt. Überall, wo Tee serviert wird, versuchen kleine Schuhputzer zwischen den Gästen (ausnahmslos Männer) ein paar Kunden zu erspähen. Nur selten tauscht jemand vorübergehend seine Schuhe gegen die bereitgehaltenen Plastiksandalen. Andere Kinder tragen Waren aus oder helfen beim Verkaufen. 
Es ist unvorstellbar, was hier alles angeboten wird. Bei den Gemüsen faszinieren mich neben den vielen frischen auch die getrockneten: Auberginen, Okra (Ladyfingers), Zuchetti und viele mehr, aber auch die vielen bunten Gewürze, Kräuter und Teemischungen. Wie gerne würde ich hier ein paar Wochen lang leben und jeden Tag im Bazar einkaufen.
Bei Sonnenuntergang fahren wir mit dem Velo hoch zur Burg und geniessen die Sicht über die honigfarbene Stadt. Doch bleiben wir nicht lange alleine. Von überall her kommen Kinder, die mit uns reden wollen, („Hello. What’s your name? Where are you from?“), das Velo oder mindestens die Klingel ausprobieren wollen. Ob sie diese paar Sätze wohl schon im Kindergarten lernen?
Anfänglich sind die Kinder meist lustig und liebenswürdig, schelmisch oder scheu, doch über kurz oder lang wollen sie „Money, money, money“, werden frech, scheinen uns zu beschimpfen und wollen uns manchmal sogar am Weitergehen oder -fahren hindern. Solche Erlebnisse werden uns in den meisten späteren Städten begleiten. Ich weiss nicht, ob es gut oder schlecht ist, dass wir fast kein Türkisch verstehen. Ich möchte mich gerne mit den Kindern unterhalten können, doch würden wir uns wohl kaum näher kommen. Das wirtschaftliche Gefälle ist zu gross. Auch wenn wir sehr einfach reisen und leben, wir werden immer sehr viel mehr Wohlstand als die meisten Einheimischen haben. So hinterlassen manche Begegnungen sehr unterschiedliche, oft ungute Gefühle.
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