Über den Anzobpass nach Dushanbe

Am Morgen um halb sechs klopft der Wirt des Teehauses an unsere Tür. Wir stehen auf, packen unsere Sachen und frühstücken. Es gibt Flocken mit Nüssen, Weinbeeren und Fruchtsaft. Durch die Anstrengung der Vortage verlangen unsere Körper gebieterisch nach Nahrung. Es ist ein gutes Gefühl, diese fast animalischen Regungen zu spüren. Dann kaufen wir im dürftig bestückten Dorfladen das noch fehlende Essen und Wasser für unterwegs und setzen unsere Fahrt Richtung Süden fort. Bis zur Abzweigung nach Anzob, dem zweiten Pass auf dem Weg nach Dushanbe verläuft die Strasse im Haupttal und ist ziemlich flach. Anschliessend gehts über eine längere Strecke durch eine enge Schlucht. Die Strasse ist immer noch ausgezeichnet, aber wegen der engen Platzverhältnisse in der Schlucht geht es rauf und runter, ohne dass wir viel an Höhe gewinnen. Als Entschädigung spenden uns die steilen Bergflanken links und rechts ab und zu etwas Schatten und machen die hohen Temperaturen erträglicher.
Gegen Mittag kehren wir in einem schattigen Gartenrestaurant ein. Da auch in Tadschikistan Fleisch der Hauptbestandteil des Essens ist, fängt wie immer das Werweisen an, was wir bestellen sollen. Einmal mehr sind es Spiegeleier mit Brot. Nach dem Essen fahren wir noch ein kurzes Stück Richtung Anzob weiter und biegen dann zum Iskander Kul See ab.  Der wegen seiner Lage vielgerühmte See liegt auf 2000 m Höhe, umgeben von gewaltigen Bergen. Wir erhoffen uns ein paar kühle Tage an seinen Ufern.

Die Strasse verläuft jetzt in einem offenen Tal. Es ist früher Nachmittag, und wir sind der prallen Sonne ausgesetzt. Da kein Schatten in Sicht ist, steuert die mutige Rosa Maria das nächste Gehöft an und fragt die anwesende Besitzerin, ob wir im Schatten ihres Hauses eine Mittagspause machen dürfen. Wir werden in einen neuen Gebäudeteil gebeten und können auf einem einladenden Hochbett Platz nehmen. Dann werden uns Brot, Früchte, Süssigkeiten und Tee aufgetischt. Als sich Rosa Maria für ihr schmutziges Kleid und die stinkenden Socken entschuldigt, macht die Hausherrin sogleich das Angebot, diese zu waschen. Die beiden einigen sich darauf, dass die Hausherrin die Waschutensilien zur Verfügung stellt, Rosa Maria ihre Kleider jedoch selber wäscht. Während die beiden von dannen ziehen, schlummere ich auf den Kissen des Hochbetts ein.

Nach unserer Rast fahren wir weiter talaufwärts. Ab und zu begegnen uns oasenartige Dörfer, die sich durch die intensive grüne Vegetation von den kargen, bräunlichen Bergen abheben. Die Kinder auf der Strasse und die Frauen auf den Feldern grüssen uns freundlich, aber mit scheuer Zurückhaltung. Das Tal wird immer enger, die Strasse steiler und schlechter und die Berge schroffer, wilder und farbiger – ein wunderbarer Anblick. Als wir auf 200 Meter unter dem Niveau des Sees liegen, ist Rosa Maria am Ende ihrer Kräfte und wir halten nach einem Zeltplatz Ausschau. Auf einem Geländeabsatz finden wir einen relativ ebenen Platz mit wunderbarer Aussicht auf die umgebende Bergarena. Dank unserer aufblasbaren Schlafmatten stört uns der Steine übersäte Boden kaum. Aufpassen müssen wir jedoch auf die vielen Dornengewächse, die unseren Zeltboden und die Matten durchstechen können. Diese kleinen Lecks sind nur mit grossem Aufwand lokalisierbar.

Am nächsten Morgen gehen wir gemächlich zu Werke. Nach Frühstück und Packen setzen wir unseren Weg fort. Die Strasse wird noch steiler und über längere Abschnitte gehts nur noch mit stossen. Als der oberste Abschnitt der Strasse sichtbar wird, merken wir, dass vor dem See noch ein kleiner Pass zu überqueren ist. Aber wir haben ausreichend Zeit und durch die Höhe sind die Temperaturen erträglich. Gegen Mittag erreichen wir den See und fragen in einer ehemaligen sowjetischen Feriensiedlung nach einem Platz für unser Zelt. Wir können uns einen Platz am Ufer des Sees auswählen, abseits von den vielen nicht sehr einladend wirkenden Bungalows. Wir haben eine wunderbare Aussicht auf den See und die umgebenden Berge, deren Gipfel teilweise noch schneebedeckt sind.

Es ist Freitag und die Wochenendausflügler sind noch nicht eingetroffen, und so verbringen wir einen ruhigen, erholsamen Nachmittag. Am folgenden Samstag füllt sich dann das Camp nach und nach und der Lärmpegel nimmt zu. Die vorhandenen sanitären Anlagen und deren Unterhalt kommen an ihre Kapazitätsgrenze und die Idylle schrumpft merkbar. Da wir immer noch einen grossen Nachholbedarf an Kalorien haben und kaum eigenes Essen dabei haben, sind wir auf das Angebot des campeigenen Restaurants angewiesen. Bald merken wir jedoch, dass dieses hauptsächlich darauf ausgerichtet ist, das von den Ausflüglern mitgebrachte Essen zuzubereiten und selbst nur über ein minimales eigenes Angebot verfügt. So gibts wieder einmal viel Eier und ab und zu etwas geschenktes Essen von anderen Besuchern.

Am Sonntag brechen wir auf. Nach dem Überwinden des dem See vorgelagerten Passes gehts es 800 m talwärts, bis zur Einmündung in die Superstrasse zum Anzobtunnel. Auf dem Weg machen wir noch einen kurzen Zwischenhalt bei unseren lieben Gastgebern vor ein paar Tagen und machen ihnen ein kleines Geschenk. Wieder erfreuen uns die Begegnungen mit den freundlichen Talbewohnern und erinnern uns an die schönen Tage im Iran.

Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten für die Weiterfahrt nach Dushanbe: Entweder wir folgen der Hauptverbindung, die den Anzobpass durch einen Tunnel auf 2600 m unterquert, oder wir benutzen die alte Verbindung über den 2370 m hohen Pass.

Über den Anzobtunnel gibt es sehr verschiedene Meinungen. Aus der eingeengten Perspektive von tadschikischen Autofahreren ist die Durchquerung des Tunnels nichts Aussergewöhnliches. Aus der Sicht von verwöhnteren, europäischen Autofahreren ist es ein wildes Abenteuer, durch den unbeleuchteten, unbelüfteten, teilweise unter Wasser stehenden Tunnel zu fahren und den um die Schlaglöcher Slalom fahrenden Autos und Lastwagen zu entkommen. Von Velofahrern hört man Geschichten, die an Dantes Inferno erinnern. Es gäbe die Alternative, eine Mitfahrgelegenheit auf einem Last- oder Lieferwagen zu finden – die Erfolgsaussichten sind jedoch ungewiss.

Die Passstrasse ist bedeutend länger, wegen der Höhe anstrengender und deren Zustand ist unklar. Mich lockt jedoch die Aussicht, durch eine verlassene Gegend und weg vom Verkehr zu fahren und unsere Grenze im Hinblick auf das Reisen im Pamirgebierge zu erkunden. Auch wenn die Erinnerungen an die Strapazen des Shahristonpasses noch sehr präsent sind, geht Rosa Maria auf meinen Wunsch ein. Als die breite, glatt asphaltierte Strasse Richtung Dushanbe abzweigt, nehmen wir die Schotterpiste Richtung Anzob Pass. Kein Strassenschild weist darauf hin, dass dies eine Alternative für die Fahrt nach der tadschikischen Hauptstadt wäre. Wiederum gelangen wir in eine enge Schlucht und folgen einem reissenden Fluss talaufwärts. In einer grossen Höhle oberhalb der Strasse machen wir Mittagspause und Rosa Maria legt sich zu einem Schläfchen hin. Bis zum Dorf Anzob, dass auf 2100 m Höhe liegt, begegnen uns nur eine Handvoll Autos, eine Wohltat nach dem starkbefahrenen Shahristonpass mit den vielen aggressiv fahrenden Sammeltaxis. So können wir beim Fahren in aller Ruhe die wunderschöne Landschaft geniessen. Unterwegs kauft Rosa Maria von zwei Knaben auf einem Esel einen Berg hiesige Aprikosen ab, die sie dann mangels Transportbehälter in ihr Hemd einwickelt. An der nächsten Wasserstelle gelingt es ihr dann, einen Teil der zu Mus zerschlagenen Aprikosen einem kleinen Mädchen zu verschenken und den Rest mitsamt dem Hemd zu waschen. Im Moment bin ich etwas verständnislos, geniesse aber die später zu Kompott verarbeiten Aprikosen als alternative Sauce zu Spaghetti. Nach Anzob fragen wir eine in einem verlassenen Gehöft lebenden Familie um die Erlaubnis, unser Zelt aufstellen zu dürfen. Wir dürfen und der Mann kommt mit einer Sichel, um den Platz von Dornengewächsen freizumachen. Dann werden wir zum Tee eingeladen. Die Familie lebt in einem alten Container, mit einem Hausrat, der um ein vielfaches primitiver und vor allem ärmlicher als unsere Zeltausrüstung ist.

Am nächsten Tag findet die grosse Probe statt: Es erwarten uns wieder 1400 Höhenmeter auf einer Strasse, die kaum mehr genutzt und deren Unterhalt entsprechend schlecht ist. Während wir frühstücken, ziehen Frauen mit Eseln vorbei und begeben sich zu den umliegenden Berghängen, um die sporadischen Äcker zu bewirtschaften oder um wild wachsende Pflanzen zu sammeln. Die meisten wirken sehr fröhlich und ausgelassen, grüssen und rufen uns lachend Sachen zu, die wir kaum verstehen. Dabei hätten sie so viel Grund zu Neid und Missgunst.

Das Muster vom Shahristonpass und vom Iskander Kul See wiederholt sich: Je höher wir kommen, umso schlechter und steiler wird die Strasse. Während Stunden begegnet uns ein einziger Mann, der aus dem Nichts auftaucht und im Nichts verschwindet. Dann kommen wir zu einem terrassenartigen Gebäude, das im Berghang liegt und wahrscheinlich in früheren Zeiten als einfache Raststätte für die Passbenutzer gedient hat. Ein verschlafener Hund rafft sich auf und beginnt mich anzubellen. Ich halte an, um auf Rosa Maria zu warten. Aus einem einfachen Nebengebäude kommt ein strahlendes Mädchen und bietet mir Tee an. Nach und nach kommen weitere Frauen und zwei Knaben aus dem Häuschen, und als Rosa Maria eintrifft, nehmen wir die Einladung an und begeben uns in das Gebäude, das aus einem einzigen kleinen in den Fels gehauenen Zimmer besteht. Aus dem Tee wird dann ein ausgewachsenenes Mittagessen, mit frisch gebackenem Brot, Kefir, Früchten und Süssigkeiten. Das sympathische Mädchen mit seinem offenen und selbstsicheren Blick zitiert ein paar englische Wörter aus seinem abgenutzen Schulbuch. Wir verstehen, dass die Frauen und die beiden Knaben aus dem Dorf Anzob sind und nur während der Alpzeit mit einigen Kühen an diesem Ort leben. Als sie erfahren, dass wir mit dem Zelt unterwegs sind, warnen sie uns vor den Wölfen, welche die Kälber ihrer Herde anfallen. Zum Abschied schenkt Rosa Maria den Frauen eine Flasche Rosenwasser aus dem Iran, Geld für das Essen lehnen sie kategorisch ab. Erst die beiden jungen Knaben sind nach einiger Zeit bereit, einen kleinen Batzen anzunehmen. Nach der Abfahrt begleiten sie uns noch ein Stück, um uns voller Stolz eine mineralhaltige Quelle weiter oben am Berghang zu zeigen. Die Würde, der Stolz und die Selbstsicherheit dieser Frauen und Halbwüchsigen sind ein besonderes Erlebnis.

Etwa vierhundert Meter unter dem Gipfel kühlen und waschen wir uns in einem Bergbach. Die Strasse ist mittlerweilen sehr schlecht und an vielen Stellen mit Felsbrocken der umliegenden steilen  Hänge übersät. Wegen der Steilheit und dem schlechten Strassenzustand ist das Fahren auch für mich fast nicht mehr möglich, und daher kann ich Rosa Maria auch weniger behilflich sein. Als Rosa Maria  nach zwei Stunden feststellt, dass nach meinen geschätzten zwei Stunden bis zum Pass immer noch mehr als die Hälfte der Höhe fehlt, möchte sie anhalten und einen Zeltplatz ausfindig machen. Unter den steinschlaggefährdeten Hängen lassen sich keine geeigneten Stellen finden. Als ich dann unsere Höhe mit dem GPS meines Handys verifiziere, stellt sich heraus, dass nur noch 70 m bis zum Gipfel fehlen. So raffen wir uns nochmals auf, und als dann nach der nächsten Wegbiegung der Passübergang sichtbar wird, bekommen wir zusätzlichen Mut.

Auf dem Gipfel bietet sich uns ein wunderbares Bergpanorama. Da es schon spät ist, möchten wir noch ein Stück weiter runter fahren, um Wasser für die Nacht finden können. Nach einer kurzen Strecke begegnet uns ein Mann, der sich als Wart der Meteostation auf dem Pass herausstellt. Er lädt uns ein, bei ihm zu übernachten, aber wir bevorzugen die Intimität unseres Zeltes und fahren weiter. Die Strasse wird immer lausiger und erfordert höchste Konzentration, um all den Löchern und Felsbrocken auszuweichen. An einem Bergbach füllen wir unseren Wasserbeutel und finden kurz darauf am Strassenrand ein geschütztes Podest, um unserer Zelt aufzustellen. Wir essen von den geschenkten Speisen der lieben Älplerinnen und Reste vom Vortag, waschen uns die Salz- und Staubschichten vom Körper und verkriechen uns ins Zelt.

Den nächsten Tag fahren wir noch eine längere Strecke auf mieser Strasse weiter, bis wir wieder auf die neue Hauptstrasse durch den Tunnel gelangen. Dann rollen wir auf glatter Fahrbahn Richtung Dushanbe, das uns mit Temperaturen zwischen 40 und 45 Grad willkommen heisst. Durch Vermittlung von Nicole und Nik haben wir die Adresse eines Schweizer Velofahrerpaares, Rahel und  Jörg, die uns ihre in Dushanbe gemietete Wohnung überlassen und uns so die Hotelsuche im kläglichen und überteuerten Hotelangebot der Hauptstadt ersparen.

Dushanbe ist an sich eine recht schöne Stadt, vor allem wegen der Baumalleen entlang der Hauptstrassen. Da es nicht all zu viel für uns Interessantes zu sehen gibt, werden wir uns nach Erledigung einiger Notwendigkeiten wieder auf den Weg Richtung Pamirgebirge begeben. Etwas mehr als 500 km trennen uns vom Ziel unserer Wünsche.

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Willkommen in Tadschikistan

Ab heute, 1. Juli 2011 ist unser Visum für Tadschikistan gültig. Wir stehen um halb 5 Uhr auf und fahren wenig später los. So früh hat es noch fast keinen Verkehr in Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans, und wir können die kühlen Morgenstunden zum Fahren nutzen. Wir möchten die Grenzformalitäten so rasch als möglich hinter uns haben. Von anderen Reisenden haben wir gelesen, dass sie am Zoll Probleme wegen fehlender OVIR-Registrationen hatten und hohe Bussen bezahlen mussten. In Usbekistan muss man sich nämlich in jeder besuchten Stadt registrieren, mindestens einmal alle drei Tage. Normalerweise übernimmt dies das Hotel, in dem man übernachtet. Am besten ist natürlich, wenn man möglichst viele solcher Registrationszettel vorweisen kann. Da wir zwischendurch im Zelt geschlafen haben, verfügen wir über keinen lückenlosen Nachweis für die ganze Aufenthaltsdauer im Land. Das macht Reto Bauchweh. Ich nehme es etwas gelassener. Doch fürchten wir beide die Willkür der Beamten. Häufig müsse man Polizisten, Zöllner und andere öffentliche Beamte bestechen, damit die vorgebrachten Anliegen behandelt werden, und sei es „nur“ die Ausreise aus dem Land. Doch an der Grenze bei Oybek, die wir nach etwa 95 km südlich von Taschkent erreichen, läuft alles wie am Schnürchen. Zwar müssen wir jedes einzelne Gepäckstück röntgen lassen, und das Ent- und Beladen der Velos benötigt immer recht viel Zeit, doch niemand interessiert sich für die sorgsam gesammelten Zettelchen. Reto wird dann noch in ein „individuelles Untersuchungszimmer“ beordert, was meinen Puls kurzzeitig höher gehen lässt. Doch der Beamte will bloss, dass Reto die deklarierten Euro vorweist und seine Taschen und den Dokumentenbeutel leert. Alles in Ordnung, und ein paar Minuten später verlassen wir das usbekische Grenzgebäude. Nach nicht einmal 200 m erreichen wir die tadschikische Grenze. Hier geht’s noch einfacher und schneller. Natürlich müssen wir auch hier ein Eintrittsformular ausfüllen, von dem wir das Doppel bis zur Ausreise aufbewahren müssen, doch es ist nur ganz kurz. Nicht einmal das eingeführte Bargeld müssen wir deklarieren. Und was in unserem Gepäck alles versteckt sein könnte, interessiert niemanden. Wir erhalten den Eingangsstempel im Pass und ein freundlicher Beamter winkt uns ohne Fragen und Kontrollen über die Grenze. Als wir das Gebäude verlassen, sind wir mehr als erleichtert. Einer der auf Kundschaft wartenden Taxifahrer begrüsst uns herzlich mit „Welcome to Tadjikistan“.

Dass die Landesgrenzen künstlich gezogen sind, fällt mir bei jedem Grenzübertritt auf. Auf beiden Seiten der Grenzen wachsen die selben Blumen, meist sprechen die Leute die gleiche oder eine ähnliche Sprache, und die traditionellen Kleider, Farben und Muster, die die Frauen tragen, sind hüben wie drüben die gleichen. Auch die Speisen und überhaupt das Angebot an Lebensmitteln ist fast identisch. So fühlen wir uns rasch heimisch in Tadschikistan.

Doch an die Preise müssen wir uns erst gewöhnen. Wenn in Usbekistan zwei 1.5 Liter Mineralwasser etwa 3’000 Som (ca. 1 US-$) kosteten, so bezahlen wir in Tadschikistan etwa 3 Somoni (ca. 0.3 US-$). Die höchste Note in Usbekistan beträgt 1’000 Som, und für jeden Einkauf brauchte man ein ganzes Bündel an Banknoten. Hier in Tadschikistan gibt es 1er- bis 100er-Somoni-Noten, und das Bezahlen wird erheblich einfacher. Essen scheint billiger. Einfaches Übernachten ebenfalls. So bezahlen wir in „Chaikhonas“ (Teehäusern) meist 10 Somoni für einen Platz auf einem der hohen Liegebetten, wo wir dann für die Nacht unsere Schlafsäcke ausrollen. Doch in einem Gasthaus oder einfachen Hotel bezahlt man 50 US-$ und mehr. Darum werden wir in Duschanbe wahrscheinlich eine Wohnung mieten und hoffen, sie mit anderen Reisenden zu teilen.

Erste Station in Usbekistan ist für uns Buston. Seit unserem Aufbruch in Taschkent sind wir 111 km gefahren. Wir machen eine lange späte Mittagspause. Reto geht Geld wechseln. Abduhafiz, ein junger Mann, welcher Reto in der Bank bedient hat, spürt uns später beim Bazar auf, wo wir Tee und eine grosse Flasche kühles Cola trinken. Er möchte, dass wir zu ihm nachhause kommen. Seine Eltern seien gestorben und er wohne zusammen mit seinem Bruder. Eigentlich sind wir froh, dass wir nicht noch einen Zeltplatz suchen müssen. Hotels gibt es hier keine. Also nehmen wir die Einladung an unter der Bedingung, dass wir das Nachtessen kochen dürfen. Ich kaufe im Bazar Reis, Zwiebeln, Gurken, Tomaten und frische Kräuter. Erst spät realisieren wir, dass Abduhafiz nicht in Buston selber wohnt, sondern in Ob’burdon, 14 km südwestlich. (Das bedeutet, dass wir morgen zuerst wieder zurück nach Buston fahren, bevor wir unseren Weg nach Süden fortsetzen können.) Im Dorf angekommen, erwartet uns Abduhafiz, der mit einem Bus vorausgefahren ist. Er erklärt uns, dass wir einen Umweg machen, da ein Nachbar gestorben sei und sich vor dessen Haus viele Trauernde versammeln. Die Ueberraschung ist gross, als ich feststelle, wie gross Abduhafiz› Familie ist: Bruder, Schwägerin, 3 Kinder, Onkel und Tante und deren erwachsene Kinder. Sie alle leben in einem grossen Hof. Dazu gesellen sich erstaunlich viele Besucher. Nachdem ich Tomaten, Gurken und Kräuter in einer Schale mit Wasser und Micropur (zur Entkeimung) gewaschen habe, erfahren wir, dass heute Abend ein 3-tägiges Hochzeitsfest beginnt. Wir denken sofort an unsere Erlebnisse mit den Baktiyari-Familien in Iran. Da jedoch die Nachbarn trauern, spielt keine Musik auf, und die Festlichkeiten sind sehr zurückhaltend. Mein Salat ist eher überflüssig, da der Onkel und seine Familie für alle Gäste gekocht haben. Die Frauen zeigen mir, wie sie Brot backen. Angefeuert wird mit den verholzten Stauden der Baumwolle, welche in dieser Region auf den meisten Feldern angepflanzt wird. Die Tante kocht am offenen Feuer eine Riesenmenge einer köstlichen Süssspeise. Es ist eine Mischung aus ganz feinem (vielleicht leicht gerösteten) Hafermehl mit Milch, Zucker und Butter. Dies gibt es als Auftakt des Festessens. Man isst es zusammen mit Brot und trinkt dazu ungesüssten Grüntee. Die Hauptspeise ist Plov, die Nationalspeise aller zentralasiatischen Länder. Plov ist grundsätzlich ein Reiseintopf mit Rüebli, Zwiebeln, Lammfleisch und Kümmel, doch hat jedes Land seine eigenen Varianten. Uns schmeckt dieses Gericht bis jetzt sehr, obwohl man in den meisten Reiseführern vor dieser eintönigen, angeblich fetttriefenden Speise gewarnt wird. Der Reis ist schön körnig, die Karotten sind in hübsche Stengelchen geschnitten und die paar Fleischstückchen liegen fast wie als Dekoration oben auf.

Wir sind erleichtert, dass sich die Gäste kurz nach dem Nachtessen verabschieden. Wir machen es uns auf dem Liegebett im Hof gemütlich, holen unsere Schlafsäcke hervor und schlafen bald unter freiem Himmel. In dieser Gegend verfügen die meisten Familien über einen einzigen Schlafraum. Dieser dient tagsüber als Aufenthaltsraum, und nachts werden dünne schmale Matratzen über den Boden verteilt.

Als wir am nächsten Tag kurz nach 4 Uhr aufstehen, sind wir nicht die einzigen, die so früh wach sind. Die meisten Männer haben sich bereits im hofeigenen Gebetsraum versammelt. Wir räumen unsere Sachen zusammen. Bevor wir aufbrechen, trinken wir mit Abduhafiz Tee und essen Frühstück. Als wir gehen, habe ich ein etwas ungutes Gefühl. Reto und ich denken beide, dass wir diese Einladung wohl besser nicht angenommen hätten. Wahrscheinlich hat der junge Mann ziemlich eigenmächtig entschieden, als er uns einlud, und vielleicht sind wir dem Rest der Familie dann eher zur Last gefallen. (Trotzdem waren alle freundlich zu uns.) Doch im Nachhinein ist man meist klüger… Wir nehmen uns vor, in Zukunft noch sorgfältiger zu entscheiden, bevor wir eine Einladung annehmen.

Unser nächstes Ziel ist Khujand, die zweitgrösste Stadt Tadschikistans. Wir verbringen eine lange Mittagspause in einem Restaurant und essen eine Omelette (das einzige Gericht auf der russisch geschriebenen Speisekarte, welches wir entziffern können). Es ist Samstag, und das Amt, in welchem wir uns registrieren müssten, ist am Wochenende geschlossen. Also fahren wir bis gegen Abend weiter. Wir finden einen passenden Platz fürs Zelt in einem lichten Pappelwald. Wir fragen ein paar Frauen um Erlaubnis, welche an einem Bewässerungskanal frisch geerntete Rüebli waschen. Sie scheinen sich über unseren Besuch zu freuen, und die anwesenden Kinder beobachten uns aus gewisser Entfernung. In Tadschikistan scheinen die Menschen viel zurückhaltender zu sein, vorallem im Vergleich mit Iran. Reto stellt das Zelt auf und ich beginne mit dem Zubereiten des Nachtessens. Ich muss insistieren, dass ich für ein paar Rüebli etwas bezahlen darf. Bald bringen uns die Kinder noch Gurken, die wir schälen und genüsslich als erfrischende Vorspeise verzehren.

Diesmal nehmen wir es gemütlicher mit Aufstehen und Frühstücken. Bis Istaravshan, wo wir als nächstes übernachten möchten, sind es nur noch etwa 60 km. Noch immer ist es sehr heiss, und wir sehnen uns nach Abkühlung in den nahen Bergen. In Istaravshan angekommen, werden wir von zwei Buben auf Velos begleitet. Einer spricht erstaunlich gut Englisch und hilft uns beim Suchen nach einer Uebernachtungsmöglichkeit. Dies gestaltet sich als ausserordentlich langwierig und für mich sehr anstrengend und ermüdend. Die Stadt ist mehr als 5 km lang, liegt am Berg, und der Zustand der Strassen innerorts ist wie so oft in Tadschikistan sehr schlecht. Es hat viele Löcher und oft fehlt der Belag, wo vor vielen Jahren wohl einmal asphaltiert war. Doch die zwei Buben tragen immer wieder zur Verbesserung der Laune bei. Nach vielem Fragen und mehreren Umwegen erreichen wir hinter dem Bazar den Hof einer Familie, welche ein grosses Zimmer in ihrem Haus vermietet. Hier fühlen wir uns rasch wohl. Wir können duschen und geniessen es, nach Taschkent wieder einmal von Kopf bis Fuss sauber zu sein.

Am Montag fahren wir mit einem Sammeltaxi in knapp zwei Stunden die ca. 100 km zurück nach Khujand. Hier wollen wir die OVIR-Registration erledigen, die wir für den Aufenthalt in Tadschikistan benötigen. Ab 10 Uhr sollte das Büro geöffnet sein. Wir melden uns beim Pförtner und erfahren, dass heute wegen einer Konferenz erst am Nachmittag geöffnet sei. Wir sollen um 1 Uhr wieder kommen, erklärt er uns. Missmutig nehmen wirs zur Kenntnis und verbringen die Wartezeit mit einem Besuch im Bazar, welcher einer der grössten und bestdotierten in Zentralasien ist. Pünktlich um 1 Uhr stehen wir wieder vor der Pforte. Und schon wieder schickt man uns weg. Alle Angestellten seien an einer Weiterbildung, es sei niemand da, der unsere Registration machen könne. Ich will schon wieder umkehren, doch Reto gibt nicht auf. Immer und immer wieder bringt er unser Anliegen vor und erklärt, dass wir eigens von Istaravshan hergefahren sind. Und siehe, wir dürfen durchs Tor zu einem ersten Schalter. Hier dürfen wir unseren Wunsch bei einer netten Frau vorbringen. Wahrscheinlich verzichtet sie wegen uns auf ihre Mittagspause. Doch ich wäge mich zu früh in Sicherheit. Wir werden zu einer Polizeistelle (Militsija) in einem anderen Quartier der Stadt geschickt. Dort angekommen, sagt man uns, dass alle Leute an einer Weiterbildung seien, und dies bis am Donnerstag; wir sollen am Freitag wieder kommen. Retos Geduldsfaden reisst, doch hier nützt alles gar nichts. Niemand will oder kann uns empfangen. Die Türen bleiben, auch für alle anderen Wartenden, geschlossen. Also kehren wir zur ersten Stelle zurück. Zum Glück ist die nette Frau, die sogar etwas Deutsch spricht, noch da. Und siehe da, jetzt nimmt sie unsere Pässe entgegen, beginnt unsere Personalien in ein Buch einzutragen und schickt Reto in Begleitung eines jungen Angestellten in ein anderes Amt, wo er den nicht unerheblichen, geforderten Betrag von umgerechnet ca. 100 Franken pro Person, einbezahlen muss. Ich bleibe in der Zwischenzeit vor dem Schalter und beantworte ein paar Fragen. Nach ein paar Stunden haben wir den notwendigen Eintrag im Pass, allerdings nur mit der Auflage, dass wir uns in Istaravshan bei der Militsija melden und einem gewissen Iskander einen handgeschriebenen Brief abgeben. Wir sind einigermassen zufrieden und machen uns auf den Rückweg. In Istaravshan die nächste ärgerliche Ueberraschung. Iskander ist nicht da und auch telefonisch nicht erreichbar. Wir werden gebeten, morgen um 8 Uhr nochmals zu kommen. Dabei hatten wir uns vorgestellt, dass wir heute am späteren Nachmittag abreisen könnten. Daraus wird also nichts. Wir besuchen eine schöne alte Moschee und eine sorgsam restaurierte Medrese (Koranschule). Die ganze Holzdecke ist reich mit vielfarbigen Ornamenten geschmückt. Auf unserem Weg durch das Labyrinth der Altstadt werden wir von einer Menge von Kindern zu Fuss und auf Velos begleitet. Sie zeigen uns den Weg zu den Sehenswürdigkeiten und zurück zum Basar.

Am nächsten Tag um 8 Uhr stehen wir vor dem geschlossenen Portal der Militsija. Neben uns stehen schon ein Dutzend oder mehr Leute und warten. Durchs Gitter zeigen wir unseren Brief. Zu unserem Entsetzen ist der ominöse Iskander wieder nicht da. Er sei die ganze Woche an einer Weiterbildung. Unsere Russischkenntnisse sind zu gering, als dass wir uns verständlich machen könnten. Wir rufen Mirso, einen Deutschlehrer aus Duschanbe an, der uns auf der Fahrt hierher angesprochen hatte. Er verbringt ein paar Ferientage hier bei seiner Familie. Er ist sofort bereit, uns als Dolmetscher zu helfen, und wirklich, nach kaum einer Viertelstunde taucht er vor dem Gebäude der Militsija auf und bringt unser Anliegen nochmals vor. Doch es ist nichts zu machen. Iskander ist nicht da, und auch sonst könne uns niemand weiterhelfen. Nach ein paar freundlichen Worten hin und her erfahren wir, dass unsere Registration eigentlich vollständig sei, und dass wir ruhig weiterfahren dürfen (d.h. wir hätten gar nicht erst bis heute warten müssen!!). Mirso macht eine Fotokopie vom Brief und sagt, dass er versuchen werde, mit Iskander zu telefonieren. Uns ist das alles nicht ganz geheuer, doch das Risiko, dass wir etwas völlig falsch gemacht haben könnten, schliessen wir aus. Wir holen unser Gepäck und verlassen die Stadt am späten Vormittag. Die Strasse wird bald besser, und jetzt fängt auch die Steigung in die Berge an. Bis am Abend fahren wir noch gut 40 km und immerhin fast 1000 Höhenmeter. Bei Kilometer 283 vor Duschanbe übernachten wir in einem einfachen Häuschen, das gerade Platz für die Velos, unser Gepäck und unsere Schlafsäcke bietet.

Der folgende Tag wird sicher der bisher schwierigste auf unserer Reise. Noch sind wir nicht sicher, ob es uns überhaupt gelingen wird, den Shahristonpass in einem einzigen Tag zu fahren. Bis zur Passhöhe von 3377 m fehlen uns 1417 m. So viel an einem Tag und in dieser Höhe sind wir noch nie gefahren. Nach 20 km ist der Asphalt zu Ende. Wir haben von anderen Reisenden erfahren, dass die 30 km über den Pass sehr schwer und unangenehm zu fahren sind, da die Strasse grosse Löcher aufweist und nur mit grobem Schotter befestigt ist. Sie wird nicht mehr unterhalten, da seit Jahren an einem Tunnel gebaut wird, der nächstes Jahr eröffnet werden soll.

Wir kommen nur ganz langsam voran. Meist ist die Strasse so steil und schlecht, dass ich nicht mehr fahren kann. Also schiebe ich immer häufiger. Reto fährt voraus und wartet immer wieder auf mich. Manchmal marschiert er zurück und unterstützt mich beim Schieben. Manchmal nimmt er mir das ganze Velo ab, und ich gehe den Weg entspannter zu Fuss. Manchmal schraubt er auch den Sattel höher und fährt mein Velo ein Stück weiter nach oben. Doch ab einer gewissen Höhe setzt diese zusätzliche Belastung auch Reto zu. Er trägt mit Zelt, Kocher, Pfannen, Benzin (für den Kocher), mit dem schweren Werkzeug und den vielen Ersatzteilen eh schon viel mehr Gewicht an seinem Velo. Ich versuche, die letzten 200 Höhenmeter alleine zu bewältigen, komme aber immer langsamer vorwärts. Aergerlich ist auch der starke Verkehr über den Sharistonpass. Dieser ist die einzige Verbindung zwischen dem wirtschaftlich reichen und dicht besiedelten Norden des Landes mit der Hauptstadt Duschanbe. Viele schwarze Geländefahrzeuge sind als Sammeltaxis unterwegs. Meist sitzen 8 und mehr Passagiere im Wagen, und auf den Dachgepäckträgern türmen sich Hausrat und Kartons. Die Fahrer sind eher rücksichtslos. Aus einzelnen langsam an uns vorbeifahrenden Privatautos werden wir verständnislos von oben bis unten gemustert. Die Frage, die sie uns im Vorbeifahren stellen, ist immer die gleiche: „Atkuda?“ Woher kommen solche Spinner wie wir zwei, die sich mit einem so exotischen Gefährt vollbepackt über einen auch für Autos schwierigen Pass kämpfen….? Besonders lustig ist es, wenn wir – verschwitzt und keuchend wie wir sind – mit Handies und Kameras fotografiert oder gefilmt werden.

Im Schatten von ein paar verlassenen Gebäuden wollen wir Pause machen und etwas essen. Da winkt uns ein Mann aus einem wenig weiter oben gelegenen Haus. Er empfängt uns mit einem Teekrug voll heissen Wassers, das er uns in ganz kleinen Mengen immer wieder kurz über unsere Hände giesst. Wie angenehm ist dieses Waschen und wie wohltuend diese herzliche Willkommensgeste. Er bittet uns ins Innere der direkt an den Berg gebauten Steinhütte. Es ist angenehm kühl, und wir setzen uns auf die Kissen des gemauerten leicht erhöhten Liegebettes. Die Mitte dient als Esstisch und entlang der drei Seiten sitzt man im Schneidersitz oder halb liegend und lehnt sich an die ebenfalls mit Kissen versehenen Wände. Wir teilen unser mitgebrachtes Essen mit dem Aelpler und einem seiner Nachbarn und bekommen heissen Tee. Frisch gestärkt machen wir uns erneut auf den Weg. Die Anstrengung wird immer grösser, und ich muss immer häufiger Verschnaufpausen einlegen. Der Passübergang ist bereits in Sichtweite, was mir zusätzlichen Mut gibt. Nach total etwa 5 effektiven „Fahr“-Stunden erreichen wir Mitte Nachmittag den Pass. Welch eine Erleichterung! Meine Erschöpfung wird bald durch grosse Zufriedenheit abgelöst. Wir freuen uns beide riesig, dass wir dieser enormen Herausforderung gewachsen waren. Dieser Erfolg trägt dazu bei, dass ich den noch vor uns liegenden hohen Pässen mit mehr Zuversicht und Gelassenheit entgegen sehe.

Nach unten geht es dann etwas leichter, doch auch die Talfahrt ist nicht eitel Honiglecken. Die Anforderung an Konzentration und Gleichgewicht ist auf den noch immer unasphaltierten ca. 15 km gross. Ich lege auch jetzt häufig kurze Pause ein und lockere die vom Bremsen angespannten Hände. Manchmal muss ich vom Velo steigen, da Fahren im lockeren Schotter für mich zu gefährlich wäre. Dann endlich ist die Naturstrasse zu Ende und wir kommen auf die fein säuberlich asphaltierte Strasse, was mich unwahrscheinlich freut! Jetzt erst kann ich die Abfahrt geniessen und mich fast von alleine ins 2000 m tiefer gelegene Tal tragen lassen. Auf etwa 2500 m steht in einer Spitzkehre an einem mächtig rauschenden Bergbach neben ein paar Steinhütten und Ställen eine improvisierte Chaikhona. Hier sitzt – wie ich annehme – der Grossvater, bequem auf Kissen und geschützt vom starken Wind, während sein Sohn kühle Getränke anbietet. Die Kinder verkaufen Käse. Dieser ist sehr hart und trocken und hat die Form von etwa eiergrossen Kugeln. Er schmeckt ein wenig nach Emmentaler und ist ein wertvoller Eiweiss- und Kalziumlieferant. In dieser Form ist er lange auch ungekühlt haltbar. Wir setzen uns zum Alten aufs quadratische Liegebett und versuchen, seiner Unterhaltung zu folgen. Zusätzlich zur gekauften Cola bietet er uns Tee und Brot an. Gestärkt und ausgeruht fahren wir dann weiter. Ab etwa 2000 m treffen wir auf fruchtbare Obstgärten zwischen den Felsen, wo Aprikosenbäume wachsen. Jetzt ist gerade Erntezeit, und entlang der Strasse treffen wir immer wieder auf Kinder, die die aromatischen Früchte in Blech- oder Plastikeimern zum Verkauf anbieten. Unten im Tal überqueren wir den mächtigen Zarafshonfluss. Er trennt zwei hohe Bergketten, von denen wir die erste heute überquert haben.

Im Dorf Aini finden wir eine Chaikhona, wo wir übernachten können. An einem Schlauch können wir uns waschen, und wir entfernen den gröbsten Staub von Velos und Gepäck. Wir sind die einzigen Gäste. Nach unserem improvisierten Nachtessen bleiben wir alleine im historischen Gebäude. Wieder  sind Decken und Balken mit schönen Ornamenten geschmückt und die hölzernen Säulen sind mit Schnitzereien versehen. Im Inneren des Teehauses, wo wir unsere Schlafsäcke ausbreiten, stellen Wandmalereien romantische Szenen aus russischen Märchen dar. Von Drachen, Prinzen und Feen begleitet fallen wir bald in tiefen erholsamen Schlaf.

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