Endlich wieder ein paar Tage im Sattel

Im Hotel in Midyat kann ich vor der Abreise noch einmal eine grosse Handwaesche machen und auf dem Dach trocknen lassen. Mir machen diese kleinen Arbeiten Freude, es ist (noch…) keinesfalls eine Belastung. Hoechstens die manchmal knapp bemessene Zeit zum Trocknen. Doch diesmal koennen wir ohne Probleme alles wieder relativ sauber und trocken einpacken. Ich freue mich auf die Fahrt mit dem Velo in Richtung Van-See. Mir ist bewusst, dass es gilt, einiges an Hoehe zu bewaeltigen, doch weiss ich auch, dass wir genuegend Zeit haben. Am ersten Tag (30.03.2011) ist unser Ziel fuer einen spaeten Mittagshalt Hasankeyf, eine vielgeruehmte alte Stadt, die in den Felsen gebaut ist und ueber dem Ilyisu-Fluss trohnt. „Noch“ muss man sagen, da ihr der Untergang in einem Stausee droht. Obwohl ich (nach den verschiedenen Hoehlendoerfern in Kappadokien) ein wenig enttaeuscht bin, hoffe ich sehr, dass die Gegend vor dem Schicksal der Ueberflutung gerettet werden kann.


Wir fahren weiter durch ein satt gruenes Flusstal und sehen an den begrenzenden Felswaenden weitere Behausungen, viele von ihnen noch immer als Wohn- und Vorratsraum genutzt.
Bevor wir in Batman ankommen, gilt es noch ein paar kleinere Paesse zu ueberwinden. Wir leisten uns ein Hotel, es ist schon spaet – hier dunkelt es sehr frueh – und die ganze Gegend um die Stadt ist stark besiedelt, weit und breit ist kein geeigneter Zeltplatz zu finden. Was fuer eine Wohltat ist doch eine Dusche nach einem solchen Tag!
Am Abend gelangen wir mithilfe von drei verschiedenen Lokalbussen ins Zentrum, wo wir in einer Art Pizzeria grosszuegig bedient und bewirtet werden. Das Essen und die vielen gruenen Zutaten schmecken uns, und wir geniessen die freundliche Aufmerksamkeit der Baecker und Kellner. Damit wir den Rueckweg zum Hotel am Stadtrand auch sicher finden, werden wir bis zur richtigen Bushaltestelle begleitet.
Am naechsten Tag fahren wir frueh los. Wir haben ausgiebig gefruehstueckt. Nach nur gerade ein oder zwei Stunden Fahrt werden wir zu einem zweiten Fruehstueck eingeladen. Als wir bei einer Tankstelle die Toilette benutzen, werden wir gebeten, uns zum Chef zu setzen, der an einem Tischchen an der Sonne Tee trinkt. Man bringt uns Brot und Kaese und immer wieder Tee. Frisch gestaerkt fahren wir weiter bis Kurtalaen. Waehrend ich fuer das Nachtessen einkaufe, bleibt Reto bei den Velos. Als ich zurueckkomme, ist er von einer froehlichen Horde Kinder umrundet und ein paar Jugendliche versuchen ein paar Worte mit uns zu wechseln. Es ist eine wohltuende Erfahrung, dass solche Begegnungen auch sehr friedlich und lustig verlaufen koennen. Wir folgen weiter dem Bitlisfluss. Das Tal ist weit und in den Feldern arbeiten gebueckt viele Frauen. Die Setzlinge, die sie pflanzen, werden in schwarzen Plastiksaecken gezogen, was viel Abfall produziert.
Romantisch ist unser Zeltplatz auf einem Weg zwischen den Feldern nicht, doch wir haben keine grosse Wahl. Als es eindunkelt, begluecken uns die Froesche aus den nahen Tuempeln mit einem Heidenlaerm. Oropax und unsere Muedigkeit lassen uns trotzdem bald ruhig schlafen.
Bis zum Van-See, der auf ca. 2000 m liegt, sind es zwei weitere Tagesreisen. Die Suche nach einem Platz fuer das Zelt gestaltet sich im jetzt engen Tal sehr schwierig. Doch die Geduld lohnt sich. In der Naehe von Narlidere  liegt auf der anderen Talseite eine verfallene Karawanserei. Neben der Bruecke warten ein Mann und einige Schulkinder auf den Bus, der sie zurueck zu den hoeher gelegenen Doerfern bringen soll. Sie zeigen uns, wo wir zwischen den Ruinen unser Zelt aufschlagen koennen. Noch nie haben wir auf einem so geschichtstraechtigen Platz gezeltet. Beim einfachen Nachtessen stellen wir uns vor, wie frueher die Reisenden auf der Seidenstrasse mit ihren Kamelen, Pferden und Eseln an solchen Orten uebernachteten.
Am naechsten Morgen kommt schon frueh einer der Schuljungen zu Fuss zur Bruecke. Das Dorf liegt etwa 6 km weiter oben am Berg. Er besucht die Schule in der Provinzhauptstadt Bitlis, das wir erst gegen Abend erreichen. Je hoeher wir kommen, umso kaelter wird es. Wir sind froh um die Windjacken und warmen Handschuhe. Eine Tankstelle ist willkommener Ort fuer einen Zwischenhalt und zum Aufwaermen. Wir trinken Tee mit viel Zucker und Zitronensaft, packen uns wieder waermer ein und fahren die letzten ca. 15 km mit Gegenwind auf einer langen Geraden leicht fallend bis Tatvan. Obwohl mir Retos Ruecken einen Grossteil des Windes abhaelt und wir langsam fahren, habe ich Muehe, die Geschwindigkeit zu halten. In Tatvan fahren wir mit leichtem Nieselregen zuerst zum Hafen, wo wir uns nach der Abfahrt der Faehre erkundigen. Heute abend muessten wir noch etwa zwei Stunden warten. Es ist ziemlich kalt und eher unfreundlich. So entscheiden wir uns fuer ein Hotel in der Stadt. Nach den 270 km und 3200 Hoehenmetern der letzten vier Tage haben wir es verdient.
Vor unserem Zimmer steht ein grosser Baum, den die Kraehen als Schlafbaum nutzen. Ich beobachte ihre An- und Abfluege, und so entsteht das neue Bild, das zur Zeit unseren Blog ziert.

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Mor Gabriel

Den nächsten Tag aktivieren wir unsere Räder und fahren zu zwei der in der Umgebung von Midyat liegenden aramäischen Klöstern. Die Aramäer wurden wie die Armenier am Anfang des letzten Jahrhunderts durch die Türken verfolgt und ermordet. Die Überlebenden sind zum grössten Teil aus ihren ehemaligem Siedlungsgebieten in der Türkei ins Ausland geflohen. Sie waren mehrheitlich orthodoxe oder katholische Christen und hatten eine eigene Sprache und ein eigenes Alphabet. Sie besassen viele Klöster im Südosten von Anatolien. Wahrscheinlich eines der grössten und schönsten, Mor Gabriel (s. Wikipedia «Mor Gabriel») wurde in den letzten Jahren renoviert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Kloster liegt in einer kargen aber sehr reizvollen Hügellandschaft, wo nur kleine Flächen ausreichend bewässert sind, um überhaupt landwirtschaftlich genutzt werden zu können. Heute sind in Mor Gabriel nur noch ein Bischof, sowie ein paar Nonnen und Mönche ansässig. Da wir erst kurz vor der Mittagpause des Wachpersonals eintreffen, ist unser Rundgang auf wenige Teile der Anlage beschränkt – der Eindruck ist dennoch tief.

Unterwegs zum Kloster Mor Gabriel

Mor Gabriel

Im Anschluss fahren wir noch ein paar Kilometer weiter zu einem Kloster, das am Rande eines kleinen Dorfes liegt. Dieses Kloster ist im Gegensatz zu Mor Gabriel nicht renoviert und auch nicht mehr genutzt. Ein paar Jugendliche können uns Zugang zu dem verschlossenen Gebäude verschaffen. Am Interessantesten war dann aber für mich nicht das verfallene Kloster selbst, sondern die Aussicht von dessen Dach, der uns Einblicke in die Innenhöfe der traditionellen Häuser der Nachbarschaft verschaffte.

Midyat selbst besitzt eine hübsche Altstadt mit vielen verwinkelten Gässchen. Der überwiegende, neuere Teil der Stadt ist jedoch ein grauenhaftes Konglomerat von Gebäuden, die über mehrere Kilometer entlang der Hauptverkehrsstrasse stehen, und die trotz ihres jüngeren Baudatums schon arg am Zerfallen sind. Seien es Siedlungen oder Strassen, man hat in Südostanatolien den Eindruck, dass Land ein unbeschränktes Gut sei.

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