Bakhtiyari-Hochzeitsfest

Eigentlich hatten wir ja nur ein schattiges Plätzchen für unser Mittagessen gesucht. Doch aus unserem vermeintlich einfachen Picknick wird ein grossartiges, drei Tage dauerndes Fest, und wir lernen viele liebe und anhängliche Menschen kennen, die noch lange den Kontakt mit uns aufrecht erhalten.

Und nun alles des Reihe nach:
Während wir es uns im Schatten eines weit ausladenden alten Nussbaums bequem machen und unser Picknick auspacken, geht auf dem Teppich neben uns ein geschäftiges Beraten und Diskutieren weiter. Es sind ca. 10 Männer und 2 Frauen, von denen die jüngere eine ziemlich aktive Rolle zu spielen scheint.
Bald erfahren wir, dass heute Abend eine grosse Hochzeitsfeier beginnt. Wir werden kurzerhand eingeladen und aufgefordert, für das Fest zu bleiben. Wir studieren nicht lange und nehmen freudig an. Nach unserem Mittagessen stellen wir im Hof das Zelt auf. Nachdem wir – schon wieder! – frisch geduscht sind, ziehen wir die schönsten Kleider an, die wir dabei haben. Doch auch wenn diese sauber gewaschen sind, kommen wir doch ziemlich zerknittert daher. Wir scheinen nichts desto trotz sehr willkommen zu sein.

Da wir wiederholt aufgefordert werden, doch bei der Familie im Haus zu schlafen, führen wir unsere Daunenmatten, die aufblasbaren Kissen und die Schlafsäcke vor. Erst jetzt glaubt man uns, dass wir in unserem Zelt recht bequem schlafen werden.


Am späteren Nachmittag kommen immer mehr Leute ins Haus von Shah’la und Heshmat. Die Frauen sind bunt und festlich gekleidet. Ab jetzt gehen Reto und ich meist getrennte Wege. Ich geniesse die Aufmerksamkeit der Frauen und werde durch sie liebevoll betreut, während Reto viel mit dem jüngsten der Söhne, dem ca. 17 jährigen Iman zusammen ist. Iman versteht und spricht relativ gut Englisch, und er ist ein ruhiger, aufmerksamer und hilfsbereiter Begleiter.

Die Frauen fragen mich, ob ich nicht ein traditionelles Kleid der Bakhtiyari anziehen möchte. Shah’la führt mich ins Umkleidezimmer. (Das Haus besteht aus einem grossen und einem sehr grossen Aufenthaltsraum. Diese sind mit Teppichen und Kissen ausgelegt. Weitere Möbel sind nicht vorhanden. Nachts werden Matratzen ausgerollt und so dienen diese Räume auch als Schlafzimmer. Im Umkleidezimmer werden die Kleider aufbewahrt, oft auf einem grossen Haufen oder in Tücher eingewickelt. Nur die schönsten Gewänder hängen an Bügeln. Angrenzend an den kleineren Aufenthaltsraum gibt es eine grosse Küche und ein Badezimmer mit Dusche. Das WC, d.h. eine Stehtoilette mit fliessendem Wasser, befindet sich draussen im Hof.) Shah’la gibt mir einen weiten dunkelroten Samtrock, der in der Taille durch eine Kordel zusammengehalten wird, und zieht ihn mir an. Darüber kommt eine Art eng anliegende Tunika aus dem gleichen Stoff, die an beiden Seiten ab Taillenhöhe geschlitzt ist. Tunika und Rock reichen bis auf den Boden.
Der Stoff ist über und über mit glitzernden Steinchen übersät. Stilgerecht müsste ich darunter ein langärmliges dunkles Leibchen und eine Art Pijamahose tragen. Doch bei mir sind es vorerst noch Trekkinghose und -bluse. Zum Schluss bekomme ich ein passendes Kopftuch, das unter dem Kinn geknotet wird. Die Leute haben Freude, besonders die Frauen und Kinder, und sie klatschen und jubeln mir zu, als ich zurück in den Hof komme. Mir ist wohl, ich habe nicht einmal besonders heiss. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Kleider so bequem zu tragen sind.
Gegen Abend kommen noch einmal mehr Leute. Von Zeit zu Zeit gibt es im Haus oder unter dem grossen Nussbaum Tee. Als es dunkel wird, schaltet jemand eine Tonanlage auf der Terrasse ein und spielt die Musik der Lori, einer Nomadengruppe der Bakhtiyari. Sie ist monoton und die einzelnen gesungenen Strophen wiederholen sich schier endlos. Zu dieser Musik bilden die Frauen auf dem Vorplatz des Hauses einen Kreis. Sie halten in jeder Hand ein 30-40 cm langes, schmales Tuch oder einen Schal, das sie in einem vorgegebenen Muster durch die Luft wirbeln, zurück über die Schultern und hin und her und in Kreisen vor der Brust. Dazu kommt eine Schrittfolge von 4 Vorwärts- und 2 seitlichen Rückwärtsschritten. Dazwischen kommen 2 Umkehr- oder Halteschritte, sodass man bis 8 zählen kann, bevor die Figur wiederholt wird. Die Koordination von Hand- und Fussbewegungen fällt mir enorm schwer. Doch die Frauen sind geduldige Lehrerinnen und machen es mir immer wieder vor. Wenn ich mit den Armen, die man schnell 3 oder 4 mal über die Schultern zurück- und vorschwingt, müde bin, klatsche ich nur noch rhythmisch, wie es ein paar andere auch machen. Manchmal werde ich verständnisvoll zum Sitzen aufgefordert, doch bald kommt eine Frau oder ein Kind und fragt, ob ich nicht wieder mit ihnen tanzen wolle.
Im Kreis hat es auch ein paar vereinzelte Männer, die begeistert mittanzen. Es sind zwei drei junge Männer und der Grossvater der Familie. Er geht an einem Stock und hält sich ganz stark nach vorne gebeugt, ist dabei aber erstaunlich beweglich. Reto ist am Nachmittag viel bei ihm und anderen Männern gesessen. Er plaudert zwischendurch ein wenig mit ihnen auf Farsi oder er sitzt einfach bei ihnen, hört und schaut zu. Ich habe Reto noch nie so entspannt und zufrieden an einem Fest erlebt. Er scheint es einfach zu geniessen, dazusein.

Die fröhliche Atmosphäre und das ausgelassene Tanzen passt so gar nicht in das im Westen vermittelte Bild vom Iran und vom Islam. Wie gerne würde ich vom bunten Treiben im Hof ein paar Fotos machen. Es ist zwar während des ganzen Festes ein Fotograf anwesend, der die stundenlange Tänze auf Video festhält, doch als ich Iman frage, ob ich Fotos machen dürfe, sagt er wohl zu, doch gleich kommen vier oder fünf Männer, die es mir vehement verbieten. Ich verstehe langsam, dass ich zwar die Kinder und die Gruppen um Reto fotografieren darf, aber dass die Männer nicht tolerieren, dass ihre Frauen fotografiert werden. Den Frauen würde es zwar gefallen, doch das zeigen sie mir nur, wenn ich mit ihnen alleine bin. So habe ich leider nur sehr wenig Fotos von diesem Fest.
Inzwischen sind wohl hundert oder mehr Gäste anwesend. Schichtenweise wird gegessen, die Frauen und Männer jeweils getrennt. Ich bin die einzige Frau in der Männergruppe, da diese zuerst bedient wird und ich für das Essen zu Reto geholt werde. Es ist interessant zu beobachen, wie für mich als Fremde andere Regeln gelten als für die eigenen Frauen, und wie ich mich ziemlich frei in beiden Gruppen bewegen kann.
Als wir uns zum Schlafen ins Zelt zurückziehen, geht das Fest noch eine Zeit lang weiter, doch das stört uns heute nicht allzusehr.
Am zweiten Tag begleiten mich Frauen und Kinder zu Zhiva, deren stolze Haltung die Nomadenherkunft verrät. In ihrem Haus werde ich neu eingekleidet: das Unterkleid besteht aus brauner Rohseide, darüber kommt ein aufwändig besticktes und mit Blumen und Pailletten besetzetes Kleid mit passender Tunika. Nächste Station ist die „Kosmetikerin“ Zahra. Bei ihr treffe ich – neben vielen Frauen vom ersten Festabend – zum ersten Mal Halimeh, die Braut. Sie wird hier für ihren grossen Tag zurechtgemacht. Als ich komme, erhält sie blonde Strähnchen. Zahra zupft und trimmt meine Augenbrauen. Am liebsten würden mir die Frauen die Haare noch mit Henna färben. Ich habe Mühe, sie davon abzuhalten. Am Abend behandeln sie dann meine Hände mit Henna. Noch lange werden mich die Leute unterwegs darauf ansprechen.
Sehr berührend und aufwühlend ist der Abschied der Braut von ihrer Familie. Ich darf die jüngeren Frauen begleiten, welche Halimeh singend und klatschend in ihrem Elternhaus abholen. Die Schwester und die Mutter und Halimeh selber weinen herzzerreissend, während die Freundinnen sie mit ihrem Trillern und einer Art Wechselgesang aufzumuntern versuchen. Im Auto wird sie in ein anderes Haus gebracht, wo sie bis zum nächsten Tag bleibt.
Ich kehre mit den Frauen zurück in den Hof und helfe beim Zupfen der Blättchen von den Kräutern, welche für die verschiedenen Hochzeitsmahle zuberweise benötigt werden (Pfefferminz, Estragon, roter und grüner Basilikum, glatte Petersilie, Radieschen, Ruccola, Frühlingszwiebeln und mehrere Kräuter, die ich bei uns noch nie gesehen habe). Diese Kräuter werden im Iran zu den meisten Essen gereicht. Sie sind eine sehr schmackhafte Begleitung zu den Reisgerichten oder zum Yoghurt mit Gurken.
Unterdessen unternimmt Reto zusammen mit Iman einen Ausflug auf dem Motorrad. Später lernt er einen Englischlehrer kennen, der uns in seine Klasse einlädt. Die mutigsten unter den ca. 7-13 jährigen Schülerinnen und Schülern stellen uns Fragen. Die Kinder und die hinzugerufenen Lehrerinnen freuen sich sichtlich über unseren Besuch.
Als wir zurückkommen, hat sich im Hof der Familie die Hochzeitsmusik aufgestellt. Sie besteht aus einem Sänger, einem Keyboard, einer Trommel und einer überdimensionierten Tonanlage. Es ist wieder die gleiche monotone Musik, zu der die Kreistänze getanzt werden. Zusammen mit den Frauen und Kindern bin ich immer wieder dabei und geniesse die aufmerksame, liebevolle Gesellschaft. Als Reto und ich uns gegen Mitternacht ins Zelt zurückziehen, hören wir noch lange die extrem laut verstärkte Musik. Wir versuchen zu schlafen. Die zum Glück von zuhause mitgebrachten Oropax dämpfen zwar das Keyboard ziemlich gut, doch gegen die Trommel sind sie machtlos. Wir sind ziemlich erschöpft und genervt, erwägen sogar am nächsten Tag abzureisen, doch das wäre wohl ein unvorstellbarer Affront für unsere Gastgeber. So bleiben wir. Zum Glück, denn der Höhepunkt, die „Trauung“, findet erst am dritten Tag statt.
Am Vormittag schon trifft die Musik ein. Diesmal ist es neben der Trommel ein traditionelles Blasinstrument, eine Art Schalmei, welche die „Melodie“ übernimmt. Heute finden die Festlichkeiten im Hof des Nachbarhauses auf. Es ist das Haus, in welches das Hochzeitspaar heute einzieht. Neben den wieder stundenlangen Tänzen, die diesmal auf der Wiese neben den Nussbäumen stattfinden, üben sich die Männer paarweise in einem Spiel, das von den Nomaden stammt. Dabei versucht derjenige mit dem Stock den andern am Bein zu treffen. Obwohl selbstverständlich keine der anderen Frauen mitmacht, werde ich aufgefordert, gegen Reto anzutreten. Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie ich oft zu Reto und zu den Männern geholt werde, und doch ganz bei den Frauen integriert bin.
Noch immer finden alle Festlichkeiten und Spiele ohne die Braut statt, bis um die Mittagszeit Bewegung in die Gemeinde kommt. Reto wird auserkoren, dem Bräutigam vor dem ganzen Publikum die Krawatte umzubinden. Welche Ehre! Ein Konvoi von Autos und Bussen setzt sich in Bewegung und bringt die Geladenen zum Haus im Dorf, wo die Braut abgeholt wird. Der Bräutigam selber sitzt am Steuer des vorausfahrenden, mit vielen Plastikblumen geschmückten Autos. Auf dem ganzen Weg „trillern“ die Frauen, singen und klatschen und winken mit den Schals, die sie beim Tanzen verwenden. Auch die beiden Musiker begleiten den Zug. Bei Ankunft des Bräutigams im Haus seiner Braut wird im Eingang des Hofes ein Lamm getötet und dessen Blut über der Schwelle vergossen, mitten im Trubel der Festgemeinde. Dieses Ritual wiederholt sich auf der Schwelle des neuen Hauses. Das Opfern des jungen Tieres und das Vergiessen seines Blutes befremden mich, doch verstehe ich, dass es neben vielen anderen Handlungen ein Teil der Nomadentradition der Bakhtiyari ist. Auf dem Rückweg durchs Dorf folgen hinter dem Hochzeitspaar mehrere kleine Lastwagen mit dem ganzen Hausrat: Teppiche, Fernseher, Klimaanlage, Möbel, ganze Sets von riesigen Pfannen (diese werden für Hochzeiten und andere Feste benötigt), Wäsche und vieles vieles mehr. Alles wird gut sichtbar vor den Gästen ins Haus getragen und im Wohnraum aufgetürmt.
Die Braut ist in mehrere weisse Tschadors mit pastellfarbigen Blumenmustern und in Schleier gehüllt. Sie wird mit dem Bräutigam in eine Nische des Wohnraums gebracht, wo die Vermählung stattfindet. Obwohl ich ganz in der Nähe bin, verstehe ich nicht, worin die Zeremonie wirklich besteht. Es sieht so aus, als ob die Braut nicht nur befragt, sondern auch inspiziert wird. Anschliessend gratulieren alle Geladenen einzeln den Neuvermählten. Einige wenige bringen Geschenke. Von uns bekommt Halimeh eine Hafezkarte mit einem Glück- und Segenswunsch und eine goldene (Plastik-) Swatch, über die sie und ihr Mann sich sehr zu freuen scheinen.
Auch heute wird alles – wie schon an den vorherigen Tagen – auf Video festgehalten. Ein Fotograf mit einer professionellen Lichtanlage filmt und fotografiert fast ununterbrochen.
Ganz plötzlich ist alles zu Ende. Die Braut hat die Schleier längst zurückgeschlagen und plaudert mit den nächsten Verwandten. Die meisten Gäste sind bereits gegangen. Wir gehen zum Nachtessen ins Haus des Englischlehrers. Doch auch „Frau Derwisch“, eine angesehene ältere und sehr aktive Nachbarin, möchte, dass wir zu ihr kommen. Es macht mich traurig, dass wir ihre Einladung ablehnen müssen. Wenigstens einen Tee können wir bei ihr trinken. Sie ist eine der Frauen, die sich in den letzten Tagen am meisten um mein Wohl gekümmert hat. Obwohl sie kein Englisch spricht, hatten wir es sehr schön und lustig miteinander.
Im Haus des Lehrers geht es ruhig zu und her, was wir als sehr wohltuend empfinden. Die intensiven, vielfältigen Eindrücke des Hochzeitsfestes waren nicht nur spannend und schön, sondern auch ermüdend. Als wir zurück zu unseren ursprünglichen Gastgebern kommen, sind diese ein wenig enttäuscht, dass wir nicht den ganzen letzten Abend mit ihnen verbracht haben. Doch sie sind wieder versöhnt, als wir mit ihnen Tee trinken und plaudern, bevor wir schlafen gehen.
Am folgenden Tag nehmen wir Abschied von Shah’la, Heshmat, Amin, Elham, Iman und ihren nahen Verwandten, welche beim Aufräumen helfen. Die riesigen Pfannen und viel Geschirr in grossen Zubern werden von den Frauen im Hof gewaschen. Vor ihrem Haus wartet Frau Darwisch auf uns, um uns nochmals zu sehen.
In den letzten Tagen habe ich so viel Zuneigung und Freundschaft erlebt, dass es mir weh tut, mich von den Leuten in Yanaki zu verabschieden, umsomehr als ich sie wohl nie wiedersehen werde.

Manchmal sehne ich mich richtig nach langweiligen Tagen, an denen gar nichts passiert, um ein wenig dem Erlebten nachzuhängen.

Weitere Bilder folgen bald unter Fotos.

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Aus der Wüste in die Berge

Nach Shahreza steigt die Strasse kaum merkbar an, die am Velocomputer angezeigte Höhe nimmt langsam aber stetig zu. Im Dunst am Horizont zeichnen sich die ersten Berge ab, sie gehören zum Zagrosgebirge, welches von Nordwesten nach Südosten den ganzen westlichen Iran durchzieht. Ich bin nicht unglücklich, wieder in eine Gegend zu kommen, wo es auch ein wenig Grün gibt. Vom Fuss der Berge an wird die Strasse steiler und schlussendlich gelangen wir auf eine Hochebene, die über 2500 Meter liegt. Die Temperaturen sind jetzt angenehm, dafür bläst uns ein böiger Wind entgegen. Dieser Wind, der nach dem Mittag einsetzt, wird die nächsten Tage eine stetig wiederkehrende Begleitung sein. Parallel zu unserer Strasse verläuft eine Kette mit schneebedeckten Bergen. Aber die Hoffnung, dass hier Wasser im Überfluss zu finden sei, trügt uns. Auf unserer Karte ist zum Glück eine Tankstelle eingezeichnet, und dort sollte es kein Problem sein, Wasser zu finden. Als sie dann endlich auf der Gegenfahrbahn, die in etwa 200 m Abstand verläuft, auftaucht, fahren wir über einen Feldweg zu ihr rüber. Der Zugang zu den Zapfsäulen ist durch Harasse blockiert und so nehmen wir an, dass sie ausser Betrieb ist. Wir fahren das Gelände ab, aber es lässt sich kein Wasserhahn finden, der noch etwas liefern würde. Wir wollen schon weiter fahren, als sich in Innern eines Gebäudes etwas bewegt. Dann tritt ein alter Mann aus der Tür. Ich frage ihn in Farsi, ob er Wasser für uns hätte. Er deutet auf seine Ohren. Als ich meine Bitte mit lauterer Stimme wiederhole, fragt er uns, ob wir einen Tee möchten. Wir sagen zu und er bittet uns, in das Innere der Tankstelle zu kommen. Dort steht ein einfaches Holzgestell, das als Bett und Bank dient, am Boden ein Campinggaskocher und ein paar alte Petflaschen mit Wasser. Wir merken, dass der Mann zu Bewachung der Tankstelle dort lebt.
Er deutet auf die Bank und bittet uns, dort zu sitzen. Er setzt sich auf den Boden vor seinen Gaskocher. Er stellt eine Kanne darauf, füllt sie mit zittrigen Händen aus einer der Petflaschen mit Wasser und zündet das Gas an. Dann sucht er sich zwei Tassen zusammen und als das Wasser kocht, beginnt er umständlich, die beiden Tassen abzuwaschen. Er kramt aus einer Schublade eine Mischung von Weinbeeren und Kichererbsen, füllt sie in eine Schale und bittet uns zuzugreifen. Als der Tee fertig ist, füllt er die Tassen und offeriert sie auf einem Tablett. Dann bringt er ein Buch und bittet uns, auf einer leeren Seite unsere Namen aufzuschreiben. Wir machen ihm klar, dass wir unsere Namen nicht in arabischer Schrift schreiben können. Als Alternative zeigen wir ihm unsere iranischen Visa. Diesmal deutet er auf seine Augen und macht uns klar, dass er die kleine Schrift nicht lesen könne. Ich frage ihn nach seinem Alter und er antwortet: mehr als achtzig Jahre.
Nach der zweiten Tasse Tee deutet er auf seinen Bauch und hebt sein Hemd ein wenig an. Wir ahnen, dass etwas mit seinem Bauch nicht in Ordnung ist oder war. Dann beginnt er mit einer sehr klaren Stimme zu erzählen, begleitet von einer intensiven Mimik und Gestik. Wir verstehen nur ganz wenige Worte wie „Gott“, „Doktor“, „Kinder“, wissen jedoch, dass der alte Mann diese  Geschichte erzählen muss und vielleicht schon sehr lange auf einen Zuhörer wartet. Wir möchten auf  keinen Fall, dass er aufhört zu erzählen. Für ihn ist es möglicherweise eine der wenigen Gelegenheiten, aus seiner Einsamkeit zu entfliehen, und wir fühlen uns auserwählt, ihm zuhören zu dürfen. Auch wenn die meisten Worte seiner Geschichte uns fremd sind, haben wir am Ende das Gefühl, ihn verstanden zu haben. Nach dem herzlichen Abschied glauben wir auch, dass er sich verstanden gefühlt hat.
Für die Nacht finden wir einen Zeltplatz etwas abseits der Strasse. Der unbebaute Boden ist voller Stechpflanzen und so stellen wir unser Zelt mit schlechtem Gewissen auf einem bebauten Flecken, wo die Saat eben erst zu spriessen begonnen hat. Beim Einschlafen hören wir dann einen Traktor, der in unsere Richtung fährt. Er ruft etwas was ich nicht verstehe und ich frage ihn auf Schweizerdeutsch, was er wolle. Von seiner Antwort verstehe ich nur „Tourist“ und „Entschuldigung“ und dann fährt der Traktor wieder davon. Wahrscheinlich wurde der Bauer von einem heimkehrenden Hirten benachrichtigt und wollte schauen, wer sich auf seinem Acker niedergelassen hat.
Am nächsten Tag gelangen wir nach einer steilen Abfahrt von der Hochebene nach Semirom. Wir sind dort mit einem iranischen Velofahrer verabredet, den wir unterwegs getroffen haben. Da es kühl und windig ist und nach Regen riecht, quartieren wir uns in einem Gasthof ein, den uns unser Reisegefährte empfohlen hat. Dann besuchen wir gemeinsam die einzige Attraktion des Ortes, einen Wasserfall. Dieser stellt sich dann jedoch als eine bessere Müllhalde heraus, da die wenigen Bewohner am Oberlauf und die sporadischen Besucher ihren Abfall hineinschmeissen.
Am folgenden Morgen brechen wir frühzeitig auf. Nach einer flachen Strecke geht es wieder auf das Niveau der Hochebene hinauf, die wir am Vortag verlassen haben. Immer häufiger begegnen wir Nomaden, welche auf oder neben der Strasse ihr Vieh auf die höher gelegenen Weiden bringen. Auffällig sind die Frauen, die in farbenprächtiger Kleidung und in stolzer Haltung beim Treiben des Viehs mithelfen. Nach all den schwarz verhüllten Frauen, die sonst das Bild prägen, ist es sehr erfrischend, wieder mal in lebhafte Farben gekleidete Frauen zu sehen. Auch Rosa Maria gerät bei ihrem Anblick ganz aus dem Häuschen und würde ihnen wohl am liebsten um den Hals fallen.
Bei einem Picknick auf einem Felsen am Rande der Strasse fährt ein Auto verbei, hält an und setzt dann zurück bis es auf unserer Höhe ist. Ein Mann springt heraus und kommt zu uns gerannt. Er gestikuliert und macht mit seiner Hand Schneidbewegungen. Nachdem er ob unserem Unverständnis wieder abgefahren ist, glauben wir zu verstehen, dass er uns sagen wollte, dass wir bedroht seien. Wahrscheinlich ist es hier wie überall auf der Welt, dass von den fremden und unbekannten Gruppen (diesmal wären es die Nomaden) eine Bedrohung ausgeht. Wir lassen uns nicht all zu stark beeindrucken und fahren weiter.
Nach einer langen und rassigen Abfahrt gelangen wir in ein Tal, welches fast 1000 m tiefer liegt. Die Hitze wird wieder drückend. In einem Dorf an einem Verkehrsknotenpunkt machen wir eine kleine Rast. Auf dem Platz vor unserem „Restaurant“ hat es viele kleine Lieferwagen, beladen mit der Habe der Nomaden, welche unterwegs zu ihren Weiden sind. Der technische Fortschritt hat auch bei den Nomaden Spuren hinterlassen.
Wir fahren weiter und suchen uns einen Platz für’s Mittagessen. Immer noch sind Bäume Mangelware. Als wir in einem umzäunten Obstgarten eine Lücke im Hag sehen, fahren wir hin und beraten, ob es wohl zulässig wäre, hinein zu gehen und uns in den Schatten eines Baumes zu setzen.
Wir werden einer Entscheidung enthoben, da durch ein Tor eines benachbarten Hauses mehrere junge Männer treten und uns bedeuten, wir könnten bei ihnen im Hof des Hauses eine Rast machen.
Wir treten in den wunderbar kühlen Hof und können es uns auf einem hochbeinigen Bett bequem machen, während die Männer unsere schwerbeladenen Räder über die Stufen des Eingangstors zu ihrem Hof hieven.


Reseda und Mohn am Strassenrand


Wer kennt diese Blume…?


Die einsame Tankstelle


Teezeremonie


Unser Mann von der Tankstelle


Unterwegs in die Berge


Weibliche Vorhut des Nomadenzugs



Ouverture zur dreitaegigen Bakhtiyari Hochzeitsfeier in Yanaki

 

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