Rund um Göreme

Während des Fluges von Istanbul hat uns unsere nette türkische Bekannte Leyla von heissen Quellen in Kappadokien erzählt. Da wir beide stark erkältet sind denken wir, dass uns ein heisses Bad nur helfen könnte. Als wir den Mann an der Rezeption unserer Herberge nach der Quelle fragen, erfahren wir, dass er den Ort dieser Quelle wohl kennt, dieser aber etwa 80 km von Göreme entfernt ist. Als wir ihm erklären, dass dies ausserhalb unseres zyklistischen Aktionsradius liegt, tröstet er uns mit dem Angebot des Hamams von Bayramacili, das nur 25 Kilometer entfernt sei. Er zeigt uns einen Prospekt mit einer fülligen orientalischen Schönheit die sich im Bad räkelt, was uns endgültig überzeugt. So fahren wir munter los. Die ersten paar Kilometer geht es leicht abwärts und so kommen wir zügig voran. Als wir dann im nächsten grösseren Dorf einen Mann nach dem Weg fragen deutet dieser auf einen ausgewachsenen Hügelzug am Horizont und erklärt uns, dass es diesen zu überwinden gäbe. Mit reduzierten Kräften kämpfen wir uns auf einer steilen Strasse ein paar Kilometer bergaufwärts, um auf der anderen Seite die ganze gewonnene potentielle Energie in einer Schussfahrt wieder zu vernichten, Obwohl wir in der Zwischenzeit den Kilometer 25 hinter uns haben, ist von Bayramacili noch weit und breit nichts zu sehen. Nach einem längeren flachen Stück entlang eines Stausees geht’s dann wieder steil aufwärts und endlich gelangen wir in Bayramacili an. Als wir uns beim lokalen Pöstler nach dem Hamam erkundigen (auf türkisch!!!) schaut uns dieser anfänglich recht komisch an, deutet dann jedoch auf ein paar weit entfernte Gebäude weiter oben am Hang. So steigen wir ein weiters Mal in den Sattel und fahren in die angegebene Richtung.

Bei einem grossen neuen Haus mit einer imposanten Einfahrt und inem grossen Wintergarten wähnen wir uns am Ziel und fahren durch die Einfahrt in den Hof des Hauses. Dort sitzen mehrere Personen auf einer Decke auf dem Rasen und picknicken. Wir nehmen an, es seien Angestellte des Bades und nähern uns ihnen um zu fragen wo der Eingang sei. Der angesprochene Mann fordert uns auf abzusteigen und uns zu ihnen zu setzten. Es stellt sich heraus, dass er lange Jahre in Frankreich auf dem Bau gearbeitet hat, er Besitzer des imposanten Haus ist und es sich dabei nicht um ein Bad handelt. Er und seine überaus sympathische Frau fragen uns ob wir Hunger hätten, was wir nicht verleugnen können. Sofort geraten die übrigen anwesenden jüngeren Frauen in emsige Aktivität und tischen uns eine grosse Platte mit Fisch auf. Der Mann und seine Ehefrau sprechen beide ausgezeichnet französisch und so können wir uns ausgiebig mit ihnen unterhalten. Zwischendurch frage ich mich immer wieder, wie Leute die bei uns wahrscheinlich kein sehr angenehmes Leben hatten und viel Ablehnung und Verachtung erfahren haben, eine solche Gastfreundschaft und Offenheit bewahren konnten. 

Nach einem ausgiebigen Mal und Palaver verabschieden wir uns und nehmen den letzten Aufstieg zum Bad in Angriff. Dort angekommen stellt sich heraus, dass das Bad erst in zwei Monaten öffnen wird. Wir werden dann doch eingelassen und können uns alleine in einem Bassin tummeln, dessen Wasser kurz vor dem Siedepunkt stand. Von orientalischer Bad-Atmosphäre ist übrigens nichts zu spüren, die Gebäude haben eher den Charme einer psychiatrischen Heilanstalt aus den fünfziger Jahren. Knapp weich gegart, starten wir zu unserer Heimfahrt nach Göreme, das wir nach Einbrechen der Nacht erreichen.

Am nächsten Tag machen wir ein Minimalprogramm und besuchen Ucishar, das Dorf das wir bereits bei unserer Wanderung im Taubental aus der Weite gesehen hatten. Zu früheren Zeiten hatten die Bewohnen in Häusern gelebt die in den Berg gehauen waren. Heute leben sie mehrheitlich in freistehenden Gebäuden. Das Dorf wird von einer imposanten Burg gekrönt, auch diese vollständig in den Fels gehauen, aber heute fast ganz zerfallen.

Auch den folgenden Tag gestalten wir in Anbetracht drohenden Regens eher touristisch: Wir nehmen uns einen Führer und lassen uns in seinem Auto nach Derinkuyu chauffieren, wo die grösste unterirdische Stadt Kappadokiens liegt. Ursprünglich wurden die Stollen von den Hethitern ein paar tausend Jahre vor Christus auf der Suche nach Metallen gebaut. Die viel später in Kappadokien lebenden Christen brauchten diese Stollen als Schutzräume und bauten sie zu Städten aus die bis zu zehn Stockwerke hatten und bis zu zwanzigtausend Personen Platz boten. Diese Städte waren zum Teil durch mehrere Kilometer lange Stollen miteinander verbunden. Wegen der Höhe und Breite der Stollen, ist der Besuch dieser Städte einem heutigen Durchschnittseuropäer nur empfohlen, wenn er über lange Zeit in zusammengeklappter Haltung verharren kann und absolut keine Neigung zu Platzangst hat.

Auf der Rückfahrt von der unterirdischen Stadt bringt uns unserer geschäftstüchtiger Führer noch bei einer Teppichmanufaktur vorbei (s. dazu den folgenden Post von Rosa Maria). Bei unserer Herberge angekommen singen Rosa Maria und ich unserem Führer als künstlerischer Höhepunkt des Tages die „Internationale“. Provoziert wird die Darbietung durch die mehrfachen Bemerkungen unseres Führers, dass wir die Kapitalisten seien und er der Sozialist. Als Lackmus-Test fragen wir ihn, ob er wenigstens die „Internationiale“ kenne. Da ihm der Begriff vollkommen fremd ist, heben wir zum Gesang an.

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Gegen Landflucht und Kinderarbeit

Unser Führer Dilal, der bis zum 8. Lebensjahr in Göttingen gelebt hatte und gut Deutsch spricht, möchte uns eine Schule zeigen, inwelcher junge Frauen aus der Region die fast verlorene Kunst des Teppichknüpfens lernen. Wir könnten zusehen, wie sie arbeiten, und sie dabei ungeniert fotografieren. Das interessiert mich wirklich.

Dort angekommen stellt sich heraus, dass neben der Schule eine riesige Teppichhandlung besteht. Wir werden in der Schule von Frau Nezahat begrüsst, die auch in Deutschland gross geworden ist. Sie erklärt uns das Projekt, welches vom Staat grosse Unterstützung erhält. Neben der Förderung des Handwerkes ist die Verhinderung der Landflucht und der Kinderarbeit das grösste Anliegen. Hier werden junge Frauen erst aufgenommen, wenn sie die 8 jährige Schulpflicht hinter sich haben. Sie erlernen das Handwerk des Knüpfens und das Nacharbeiten von traditionellen Mustern der Region, ebenso das Kopieren von antiken Teppichen. Nach 3 Jahren bekommen sie einen „Gesellenbrief“ und sie finden leicht Arbeit in Ateliers in der ganzen Türkei. Die Organisation kauft die Teppiche aus den verstreuten Ateliers und bietet sie hier in Avanos zum Verkauf an.

Wir wollen doch gar keinen Teppich kaufen, aber anschauen können wir uns ja schon ein paar der schönsten und typischsten Exemplare. Frau Nezahat lässt uns Tee und Wein bringen und erklärt uns unterdessen fachkundig die Teppiche, ihre Geschichten, die Herkunft, das Material, die Farben, die Muster. Nach etwa 10 schönen Exemplaren lässt sie einen nachtblauen Angorateppich vor uns ausrollen, mit ganz einfachem Muster, eine Kopie eines sehr alten Teppichs, der in einem Museum in Istanbul ausgestellt ist. Ich bin überwältigt von der Schönheit des indigo-gefärbten fast schwarzen Teppichs.Inzwischen ist in mir die Überzeugung gewachsen, dass ich das Projekt dieser Schule unterstützen und einen Teppich kaufen möchte.Wir werden uns über den Preis einig. Ich leiste eine Anzahlung, und der Teppich wird dann im November zu uns nachhause nach Winterthur geliefert. Der Türkische Staat übernimmt alle Kosten für Versands, Versicherung, Mehrwertsteuern, Zoll etc. und ich schulde nach der Lieferung nur noch den Restbetrag. Ich habe ein gutes Gefühl und freue mich schon jetzt auf meinen ersten Teppich.

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