Persepolis und Pasargard

Als wir am 13. April aufbrechen wollen, erleben wir ein Gewitter mit Donner und heftigem Regen. So entscheiden wir uns für einen Ruhetag in Shiraz, den wir nutzen wollen, um an unseren Reiseberichten zu schreiben. Wir finden ein Hotel, wo wir Tee und Kaffee trinken und gratis die Internetverbindung nutzen.

Das Wetter hat sich rasch gebessert, und so machen wir uns am Donnerstag auf den Weg nach Persepolis, der grössten und wichtigsten Kulturstätte in Iran. Da wir Shiraz in den letzten Tagen ausgiebig mit dem Velo erkundet haben, finden wir den Weg aus der Stadt erwartungsgemäss gut. Der Verkehr hält sich in Grenzen. Zuerst gilt es eine lange Steigung zu erklimmen. Auf der darauf folgenden ebensolangen Abfahrt können wir uns wieder erholen. In Marvdasht, dem letzten grösseren Ort vor Persepolis, kaufen wir für das Nachtessen ein: Wasser, Yoghurt, Gemüse, ein paar Orangen. Unsere Grundnahrungsmittel wie Reis, Mandeln, Datteln, Weinbeeren, Honig haben wir im Bazar von Shiraz eingekauft. Dank der Hilfe eines perfekt Englisch sprechenden Soldaten fanden wir sogar Haferflocken und Trockenmilch.

In Persepolis richten wir uns auf dem Picknickplatz entlang des Eingangsbereiches ein. Die Iraner lieben das Picknick. Überall nutzen sie die Gelegenheit, eine Decke auszubreiten und gemütlich Tee zu trinken. Manche haben eine Wasserpfeife dabei. Viele kochen eine richtige Mahlzeit, meist auf einem grossen Gaskocher. Schon als wir anfangen, das Zelt aufzustellen, werden wir von den Nachbarn mit Tee willkommen geheissen. Am nächsten Tag werden wir von weiteren Familien eingeladen. Viele möchten mit uns ein paar Worte wechseln oder mit uns fotografiert werden. Andere machen uns Geschenke: einen Kugelschreiber für Reto, eine Haarspange für mich, oder sinnvolle Überreste vom Picknick wie Tee, Salz, Abwaschmittel, Plastikfolien, Gewürze – ich kann mich oft kaum wehren und muss erklären, dass wir mit dem Velo nicht so viel Platz haben wie sie in ihrem Kofferraum.

Am späten Abend treffen drei junge Radreisende ein, zwei Engländer und ein Franzose. Sie sind mit dem Velo zuhause gestartet und seit mehreren Monaten unterwegs. Solche Begegnungen machen mir riesige Freude. Leider sind sie sehr selten, da hier nur wenig Velofahrer unterwegs sind. Man kann fragen und erzählen, kennt ähnliche Sorgen und Freuden, hilft sich mit Informationen und Tipps und fühlt sich verbunden und verstanden.

Tags darauf sind wir bei den ersten Besuchern der imposanten Ruinenstadt Persepolis. Die Stufen der Eingangstreppen sind niedrig und tief, und wir stellen uns vor, wie vor etwa 2500 Jahren die Perser in ihren langen Roben diese breiten, zweiflügligen Treppen elegant hinauf- und hinunterstiegen. An ihrem Neujahrstag (21. März, „No Ruz“, d.h. „neuer Tag“, ist noch heute das grösste Fest in Iran)  kamen jeweils Vertreter aus allen Teilen des Reiches und brachten Geschenke und Zinsen. Diese Szenen sind an den Aussenfassaden des Apadana-Palastes dargestellt. 23 Nationen in ihren typischen Kleidern, ihren Tieren und Geschenken können unterschieden werden. Das Reich erstreckte sich damals zwischen der Donau im Nordwesten und Indien im Südosten, und alle Länder waren über Strassen und Karawansereien mit Persepolis verbunden. Glücklicherweise sind wir bei den meisten Reliefs alleine, sodass wir diese aus nächster Nähe betrachten und bewundern können. Wir schreiten durch das „Tor der Nationen“, die „Halle der Hundert Säulen“ und entdecken immer wieder bemerkenswerte Reliefs. Die Schönheit, Grösse und Lage dieser Stadt flösst Ehrfurcht ein. Als wir gehen, kommen uns viele iranische Besucher entgegen und eine grosse Gruppe von Touristen aus Japan.

Mehr Hintergrundinformationen zu Persepolis in Wikipedia.

Auch als wir am folgenden Tag Persepolis in Richtung Pasargard, einer weiteren Hauptstadt des damaligen Reiches, verlassen und zurück auf die Stadt blicken, ist dies mein grösster Eindruck: Ehrfurcht und Bewunderung. Pasargard ist anders als Persepolis, schlichter, aber auch sehr viel schlechter erhalten. Wir kommen am Nachmittag an, besichtigen die Ruinenstadt mit den vollbepackten Velos und stellen anschliessend unser Zelt im Eingangsbereich neben dem Billethäuschen auf. Wieder haben wir freien Zugang zu Wasser und den sanitären Anlagen und sind die ganze Nacht unter dem Schutz der Parkwächter.

Lustige Begegnungen haben wir, als wir unser Nachtessen kochen wollen. Ein grosser Bus fährt vor. Doch statt für das Grab von Cyrus dem Grossen interessieren sich die etwa 50 Schulmädchen viel mehr für uns und bestürmen uns nach anfänglichem scheuen Abtasten. Sie wollen mit uns fotografiert werden und möchten meine Telefonnummer. Ihr Lehrer, der fast kein Englisch spricht, kommt dazu und möchte, dass wir mit ihm Kontakt aufnehmen, wenn wir in Kerman sind. Er könne uns die Gegend zeigen und uns behilflich sein. Noch wissen wir nicht, wie hartnäckig er uns in den folgenden Tagen bearbeiten wird… Nach viel Gekicher und Knipsen verabschieden sich die Mädchen, und wir geniessen das Nachtessen im Zelt.

Während wir beim Frühstück sind, fährt schon der nächste Bus vor. Diesmal sind es Architekturstudenten mit ihrem Professor von der Uni Mashad. Jetzt entstehen, ebenfalls nach langsamem Annähern, interessante Gespräche. Wir erfahren viel über die Bauweise und Symbolik der alten Perser. Die jungen Leute sind begierig auf unsere Ansichten über Iran und unsere Reiseerfahrungen. Es ist lustig, wie oft Iranerinnen und Iraner mit uns fotografiert werden möchten. (Mir kommt in den Sinn, dass meine Eltern auf ihrer ersten grossen Reise mit dem Topolino Fotos von afrikanischenLourdes-Pilgern nach Hause brachten. Sie hatten noch nie zuvor Menschen mit schwarzer Hautfarbe gesehen.) Wieder tauschen wir Telefonnummern und Mailadressen aus. Die Studentinnen und Studenten und ihr Professor möchten uns ihre Stadt zeigen. Mashad wird unsere letzte Station in Iran sein, bevor unser Visum am 13. Juni 2011 abläuft und wir nach Turkmenistan ausreisen.

Gegen Mittag brechen wir auf. Im ersten Dorf stehen und sitzen erstaunlich viele Männer und Frauen entlang der Hauptstrasse und als wir die Autobahn überqueren, kommt uns eine lange Autokolonne ganz langsam entgegen, zuvorderst ein Leichenwagen mit dem reichgeschmückten Sarg. Das erklärt uns die Menge der feierlich gekleideten Menschen und die laut klagende Frauengruppe an der Ausfahrt des Dorfes. Es muss eine wichtige Person gewesen sein, die gestorben ist und für die Beerdigung zurück ins Dorf gebracht wird.

Bilder von Persepolis und Pasargard 

Auf der Autobahn erste Begegnung mit Nomaden

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Shiraz per Velo

Ausgeschlafen machen wir uns mit dem Fahrrad auf zu einer Erkundigungstour von Shiraz. Als wir am frühen Morgen vom Busbahnhof auf Hotelsuche ins Zentrum gefahren sind, schlief die Stadt noch und es hatte praktisch keinen Verkehr. Jetzt aber ist die fast Zweimillionen-Stadt in vollem Aufruhr. So liebe und sympatische Leute die Iraner im persönlichen Umgang sind, im Strassenverkehr kennen sie keine Rücksicht. Aber wir gewöhnen uns bald an die rauhen Sitten und können relativ gelassen das Spiel mitspielen. Schön für uns ist auch, dass sich niemand daran stört, wenn wir auf dem Trottoir fahren. Die Motorradfahrer nutzen diese Möglichkeit auch und sind für die Fussgänger das bedeutend grössere Übel. Einmal durchqueren wir sogar per Velo einen der Bazars, weil wir aus dem Strassengewirr der Altstadt nicht mehr herausfinden. Beim Besuch von Sehenswürdigkeiten finden wir auch immer wieder eine Lösung, um unsere Räder nicht allzu exponiert stehen zu lassen. Mal passt ein Ladenbesitzer mit einem Auge auf, mal können wir sie in den Eingangsbereich eines Museum stellen. Immer wieder kommt es zu erfrischenden persönlichen Begegnungen – neben all den unzähligen „Hello“ und „What’s your name“. Die Erkundigung von Shiraz per Velo macht wirklich Spass, trotz des berüchtigten iranischen Verkehrs. Beim Mausoleum von Hafez, dem iranischen Nationaldichter, treffen wir Ali, den ersten Radreisenden, dem wir seit unserem Start in der Türkei begenenen. Er ist Iraner und sein Alter ist kaum bestimmbar. Seine Ausrüstung ist durch viel Improvisationstalent gekennzeichnet. Stolz zeigt er uns den erst am Vortag eigenhändig reparierten Rahmenbruch. Periodisch überfällt ihn das Reisefieber, und dann tourt er jeweils für mehrere Monate durch den Iran. Auch wenn er fast kein Geld hat, findet er immer wieder jemanden, der ihm etwas abgibt. Seine Lebensphilosophie könnte fast aus einem Populärwerk der Psychologie stammen, basiert aber bei ihm auf gelebten Erfahrungen. So ist er unter anderem fest überzeugt, das sich Gutes tun immer früher oder später auszahlen wird. So teilt er auch grosszügig seine Essensreserven mit uns, auch wenn wir materiell viel besser dran sind als er. Umso mehr erstaunt uns, als wir erfahren, dass er während seines Militärdienstes zum Räumen von Minen aus dem iranisch-irakischen Krieg eingesetzt wurde und dabei viele seiner Kameraden verloren hat. Um nach derart traumatischen Erfahrungen eine so positive Lebeneinstellung beizubehalten finde ich ausserordentlich. Die Sehenswürdigkeiten von Shiraz reissen mich nicht gerade vom Stuhl. Es gibt ein paar schöne Gärten und ein paar Moscheen und eine Festung, aber überwältigend ist das alles nicht. Schade auch, dass es praktisch keine Cafés gibt, aus denen man das Leben auf der Strasse beobachten könnte. Rosa Maria fand viel Gefallen an der üppigen orientalischen Pracht vieler Bauwerke, oder im Gegensatz dazu die schlichte Kargheit der Vaksil-Moschee.






per Rad durch den Bazar


Ali, der philosophierende Velofahrer

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