Wir bleiben mehrere Tage in Kochkor und geniessen nochmals ausgiebig den Komfort unseres Guesthouses und die Freundlichkeit unserer Gastgeberinnen. Grosse Ziele haben wir keine mehr und so verbringen wir viel Zeit mit Lesen. Beide haben wir seit Kashgar erstmals wieder Bücher, die wir in Nimm-und-Bring-Bibliotheken der Comunity Based Tourism Büros in Kirgistan umtauschen können. Die Auswahl ist jeweils klein, aber immer wieder finden sich einzelne Perlen darunter. Es bleibt uns auch viel Zeit um über unsere Reise nach zu sinnen und Erinnerungen auszutauschen. Von Zeit zu Zeit machen wir einen Spaziergang und schauen uns das Leben auf dem Hauptplatz von Koshkor an. Der fortschreitende Herbst mit den kühleren Tagen und dem bedeckten Himmel lassen uns jedoch schnell wieder in unsere Herberge zurückkehren.
Nach einigen Tagen fahren wir dann nach Bishkek. In Anbetracht des Wetters und des zu erwartenden Verkehrsaufkommens in der Nähe der Hauptstadt genehmigen wir uns ein Taxi. In zweieinhalb Stunden sind wir bequem am Ziel, mit dem Fahrrad hätten wir drei Tage gebraucht!
Etwa ein Sechstel der 5.5 Millionen Kirgisen leben in Bishkek. Es ist eine junge Stadt, die grossteils während der sowjetischen Ära von Kirgistan gebaut wurde. Breite, von Bäumen gesäumte Strassen unterteilen die Stadt schachbrettartig. Im Stadtkern hat es viele ehemalige Prunkbauten, die eher durch ihr Masse als ihre architektonischen und baulichen Qualitäten beeindrucken. Die vielen Pärke, die sich zum Teil über mehrere Quadrate des Schachbrettes ausdehnen, gefallen uns hingegen sehr. Schade, dass das momentane Wetter nicht gerade zum Verweilen im Freien einlädt. In den äusseren Bezirken wird die Stadt ärmlicher und ländlicher. Viele kleine Häuschen, wie man sie von Bildern von russischen Dörfern kennt, bieten Wohnraum für viele Menschen von Bishkek – sie bilden einen starken Kontrast zu den grauen, düsteren Wohnblocks im Zentrum.
Es gibt zwei grössere Theater, eine Oper, eine Philharmonie und mehrere grosse Museen in der Stadt, und das kulturelle Leben ist nach unseren Eindrücken ansprechend und auch abwechslungsreich. Von dem Angebot haben wir bereits Gebrauch gemacht: Vor ein paar Tagen waren wir an einem Tango-Nuevo-Konzert in der Philharmonie. Ein junger russischer Bandoneonist spielte zusammen mit dem Stammorchester Musik von Astor Piazzolla. Das Konzert hat uns und – dem Applaus nach zu schliessen – auch dem Publikum sehr gut gefallen. Und das nicht nur wegen der Exotik der Mischung von Zentralasien und argentinischer Musik. Erstaunlich auch die vielen älteren Leute im Publikum. Heute Abend waren wir im russischen Theater im Sommernachtstraum von Shakespeare. In der Pause haben wir uns frühzeitig verabschiedet, nicht nur wegen der Kälte im Saal.
Wir fühlen uns in Bishkek recht wohl. Unser Guesthouse befindet sich in einer der ländlicheren Wohngegenden am Rande des Stadtkerns. Das Haus ist neu, sehr sauber und verfügt über viel warmes Wasser zum Duschen und Waschen. Durch seine Lage sind wir vom teilweise starken Verkehr abgeschirmt. In der Nähe hat es eine Moschee und fünf Mal am Tag hören wir den Ruf des Muezzins – etwas das uns nach der langen Zeit in moslimischen Ländern sehr vertraut ist und das wir wahrscheinlich vermissen werden.
In unserem Guesthouse treffen wir ein junges welsches Paar, Kilian und Romy. Sie sind mit dem Fahrrad von der Schweiz in die Türkei geradelt und dann nach Kirgistan geflogen. Hier hat es ihnen so gut gefallen, dass sie die restlichen drei Monate ihrer Ferien im Land geblieben sind. Wie viele der Velofahrer, die wir unterwegs getroffen haben, waren es ausserordentlich liebenswürdige und sympathische Personen, und die fast 40 Jahre Altersunterschied schienen überhaupt kein Hindernis zu sein, wenigstens für uns. Woran das wohl liegen mag?
Die Temperaturen in Bishkek sagen uns hingegen weniger zu. Während unseres Aufenthalts ist es zunehmend kälter geworden, und in den letzten beiden Tagen hat es gar geschneit. Auch in unserem Zimmer fallen die Temperaturen – im Moment haben wir noch 12 Grad. So kriechen wir halt ins Bett, wenn’s geht. Für spannende Unterhaltung ist beiden gesorgt. Rosa Maria liest ein Buch von Orhan Pamuk, das in der Türkei und Zentralasien während der ottomanischen Zeit Ende 16. Jahrhundert spielt. Ich ein Werk des Schweizers Nicolas Bouvier, der Anfangs der Fünfziger Jahre zusammen mit dem Maler Thierry Vernet in einem Fiat Topolino von der Schweiz nach Kabul gereist ist. Bouvier hat eine beneidenswert unvoreingenommene Art dem Fremden zu begegnen, sehr, sehr offene Augen und macht viele tiefgründige Reflexionen über das Reisen – erstaunlich für seine 23 Jahre. Für mich ist das Buch umso interessanter, als ich etwa zwanzig Jahre nach Bouvier teilweise die gleiche Route gemacht habe, und unsere jetzige Reise ebenfalls Bouviers Spuren folgte. Wie ich nachträglich erfahren habe, wurde das Buch von Bouvier von Kilian in der Nimm-und-Bring-Bibliothek unseres Guesthouses zurückgelassen, was meine Verbundenheit mit ihm noch verstärkt. Im Gegenzug liest Kilian „Der Fremde“ von Camus, das ich eben beendet hatte.
Am Anfang unseres Aufenthaltes in Bishkek, bei Temperaturen die noch erträglich waren, haben wir uns noch mal aufgerafft und einen Tagesausflug in die naheliegenden Berge im Süden unternommen. Für eine Übernachtung im Zelt ist es uns allerdings zu kalt. Bis sich die Sonne verschleiert hat und wir zu frieren beginnen, sind wir dank dem leichten Gepäck bereits 1100 m höher als Bishkek. Auf dieser Fahrt haben wir eine der wenigen bedrohlichen Begegnungen mit einem Hund. Sonst sind uns diese Tiere in den bereisten Ländern bedeutend freundlicher begegnet als ihre Brüder voriges Jahr in Georgien. Das mag damit zusammenhängen, dass Hunde für strenge Muslime als unreine Tiere gelten und somit weniger Hunde gehalten werden oder herrenlos herumstreunen. Erstaunlich auch, dass viele der hiesigen Hunde sich durch lautes Anschreien abschrecken lassen.

Besonders Rosa Maria findet diese Taktik erfolgversprechend. Ich bin da weniger überzeugt und sichere mich gewöhnlich durch eine zweite, nicht-psychologische Abwehrmassnahme ab.
Nachdem wir langsam die wichtigsten Buslinien ins Zentrum kennen, können wir uns auch schneller in der Stadt bewegen. Eine grosse finanzielle Belastung ist der Transport nicht: Eine Fahrt kostet 5 Som oder umgerechnet 10 Rappen. Auffallend ist auch, dass viele Junge in den gut besetzten Bussen älteren Personen, besonders Frauen, ihren Sitzplatz abtreten. Ein positiver Unterschied zu den meisten der Länder die wir während unserer Reise besucht haben.
Zu unserem Wohlbefinden trägt auch das Verhalten der Automobilisten bei. Erstmals auf unserer Reise gibt es wieder Fahrer, welche bereit sind, den Fussgängern beim Überqueren der Strasse den Vortritt zu lassen. Was diese zivilisatorische Leistung bewirkt hat, ist uns unklar. Die Verkehrspolizei macht sich praktisch nur mit Geschwindigkeitskontrollen bemerkbar. Ein grösseres Unfallrisiko stellt für die Fussgänger das Wandern auf den Trottoirs und auf den Fusswegen der Parks dar, vor allem bei Dunkelheit. Fast alle Dohlendeckel fehlen. Wahrscheinlich wurden sie gestohlen und eingeschmolzen. Möglicherweise hat sie die Stadtverwaltung auch vorsorglich entfernt. Ein gleiches Schicksal haben auch Skulpturen aus Metall erfahren, die Teil einer Ausstellung in einem städtischen Park waren.
Im Gegensatz zu Georgien sind Symbole der sowjetischen Vergangenheit in Bishkek und in Kirgistan überhaupt noch viel präsenter. Es gibt viele Lenin-Denkmäler, Hammer und Sichel sind noch vielerorts im öffentlichen Raum zu sehen und die Uniformen der Militärs wecken Erinnerungen an frühere Zeiten. Auch die russische Sprache ist noch sehr verbreitet. Diese Sprache wird offensichtlich nicht nur von den etwas mehr als 10 % noch hier lebenden Russen verwendet. Auch sind die meisten Radio- und Fernsehsendung in Russisch.

Morgen finden in Kirgistan Präsidentschaftswahlen statt. Das anfängliche Feld von über 20 Kandidaten hat sich in der Zwischenzeit etwas gelichtet und es sind meines Wissens noch etwa 16 Leute im Rennen, alles Männer (die Übergangspräsidentin war eine Frau!). Der augenscheinlichste Unterschied der Bewerber liegt für uns in der Kopfbedeckung: Die einen tragen einen der typischen Kirgiesenhüte, ein paar Mützen hochrangiger Militärs und der Rest ist barhäuptig. Nach Presseberichten hat es auch Sportler mit Ambitionen dabei, einen Boxer und einen Billardspieler. Beunruhigender an der Situation ist hingegen die Tatsache, dass etliche der Kandidaten auf die ethnische oder nationalistische Karte setzen. In Anbetracht des schweren Konfliktes zwischen „richtigen“ Kirgisen und der usbekischen Minderheit im Land, der letztes Jahr ein paar hundert Tote forderte, ein sehr riskantes Spiel. Im Anheizen von Spannungen zwischen weiteren Volksgruppen und unterschiedlichen Landesregion liegt anscheinend eine verführerische Verlockung zur politischen Profilierung. Hoffentlich trägt das kalte Wetter zur Abkühlung der Gemüter bei!









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