{"id":178,"date":"2010-10-04T10:50:09","date_gmt":"2010-10-04T10:50:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.ismus.ch\/wordpress\/?p=178"},"modified":"2010-11-04T20:21:56","modified_gmt":"2010-11-04T20:21:56","slug":"eine-totenfeier-im-pankisi-tal","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/blog\/2010\/10\/04\/eine-totenfeier-im-pankisi-tal\/","title":{"rendered":"Eine Totenfeier im Pankisi-Tal"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/P1110168.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-235\" title=\"P1110168\" src=\"http:\/\/www.blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/P1110168-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/P1110168-1024x576.jpg 1024w, http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/P1110168-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Alter Khistenfriedhof bei Duisi im Pankisital<\/em><\/p>\n<p>Da wir uns entschieden hatten, einen weiteren Tag bei Badi und Nata zu bleiben, hatten wir die Gelegenheit, an der Totenfeier f\u00fcr den verstorbenen Nachbar teilzunehmen, der zur Gemeinschaft der Khisten im Pankisi-Tal geh\u00f6rte. Die Khisten sind Muslime, stellen jedoch ihre eigenen Traditionen \u00fcber die Vorschriften ihrer Religion, die sie daher sehr frei interpretieren. So respektieren sie auch christliche Heiligt\u00fcmer im Tal.<\/p>\n<p>Badi und Nata hatten uns von der Totenfeier erz\u00e4hlt und nahmen uns ganz selbstverst\u00e4ndlich mit. Mit uns str\u00f6mten aus Duisi und den anderen D\u00f6rfern im Tal Leute in kleinen Gruppen zum Hof des Verstorbenen. In einem kleinen Nebengeb\u00e4ude waren die n\u00e4chsten weiblichen Angeh\u00f6rigen versammelt und wehklagten laut h\u00f6rbar. Im Innenhof sassen die anderen Frauen, gegen Hundert an der Zahl, auf improvisierten B\u00e4nken oder sie kauerten in Gruppen am Boden. Die meisten M\u00e4nner warteten unterdessen auf der Strasse. Vereinzelt kamen auch sie in den Garten, hoben ihre Handfl\u00e4chen nach oben, murmelten Gebete und fuhren dann mit den H\u00e4nden \u00fcbers Gesicht, wie wenn sie sich die Sorgen abwischen w\u00fcrden. Sie w\u00fcrden sp\u00e4ter den Toten zum Friedhof tragen. Unter ihnen sehr alte M\u00e4nner mit traditionellen Kopfbedeckungen und in Anz\u00fcgen. Wieder andere in westlicher Alltagskleidung. Um zwei Uhr holten sie den Leichnam aus dem Haus. Nata erz\u00e4hlte mir, dass ihre Toten nicht angekleidet beerdigt w\u00fcrden, sondern eingeh\u00fcllt in drei weisse Baumwollt\u00fccher. So wurde der mit weiteren farbigen Decken geschm\u00fcckte Leichnam im Hof aufgebahrt. Um ihn herum standen die M\u00e4nner der Sufi-Bruderschaft, wahrscheinlich die \u00e4ltesten M\u00e4nner des Tales. Sie begannen ihr Dikhr-Ritual, \u00e4hnlich wie wir es am Tag vorher erlebt hatten. Doch sind ihre Stimmen im Vergleich zu denen der Frauen viel feiner, schw\u00e4cher, was auf ihr fortgeschrittenes Alter zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Die Ges\u00e4nge selber sind fast die gleichen wie bei den Frauen. Zum Abschluss des Rituals im Hof w\u00fcrdigte der \u00c4lteste den Verstorbenen und erz\u00e4hlte aus dessen Leben. Dann hoben die M\u00e4nner die Bahre in die H\u00f6he und trugen den Toten aus dem Hof auf die Strasse. Zusammen mit den draussen wartenden M\u00e4nnern begaben sie sich zum Friedhof. Die Frauen d\u00fcrfen nicht dabei sein, wenn ein Toter beerdigt wird. Erst als Nata mir sagte, dass man sie vor dem zu grossen Schmerz des Abschieds verschonen wolle, konnte ich ungef\u00e4hr verstehen, warum die M\u00e4nner ihre Toten alleine begraben. Unterdessen hatten die Frauen angefangen, der Witwe und den Kindern ihr Beileid auszusprechen.<\/p>\n<p>Im Nachbarhof waren im Schutze von Planen gegen den drohenden Regen drei lange Tische aufgestellt worden, an jedem gab es f\u00fcr mehr als 30 Personen Platz. In Schichten hatten vorher schon die M\u00e4nner gegessen, jetzt waren die Frauen an der Reihe. Badi zog uns mit sich. Reto war der einzige Mann unter all den Frauen, doch keine von ihnen schien Anstoss zu nehmen. Wir staunen immer wieder, wie unglaublich verst\u00e4ndnisvoll die Menschen hier sind, sogar wenn wir uns ungeschickt und f\u00fcr sie fremd verhalten.<\/p>\n<p>Brot, K\u00e4se, Salz und Kr\u00e4uter waren schon auf dem Tisch verteilt. Als wir uns setzten, brachten junge Frauen kleine Schalen mit dampfendem Fleisch im Sud. Dazu gab es wieder Kazbegi-Limonade in allen Farben und Aromen. Gegessen wird mit den H\u00e4nden, doch f\u00fcr uns brachte man L\u00f6ffel. Reto weigerte sich standhaft, vom Fleisch zu essen, weil er einfach keinen Hunger mehr hatte. Mit ein wenig Brot und K\u00e4se hatte er genug. F\u00fcr ihn wird es immer unertr\u00e4glicher, von allen Seiten zum unm\u00e4ssigen Essen gen\u00f6tigt zu werden. Ich verstehe ihn gut. Nachdem unsere Gruppe gegessen hatte, wurde aufger\u00e4umt und die n\u00e4chste Schicht wurde verk\u00f6stigt.<\/p>\n<p>Bei solchen Anl\u00e4ssen wird sehr viel gegessen, insbesondere viel Fleisch. Von Nata wissen wir, dass bei einem Todesfall oder bei einer Hochzeit drei Tiere (K\u00fche oder Schafe) get\u00f6tet werden. Dieses Fleisch wird dann beim Leichenmahl von den G\u00e4sten verzehrt. Sicher hat diese Tradition ihren Ursprung in rituellen Opfergaben. Alle Menschen, die wir hier getroffen haben, essen sehr gerne Fleisch. Umsomehr hat es uns gestern gefreut, als Nata f\u00fcr uns ein Nachtessen ganz ohne Fleisch zubereitet hat, weil sie weiss, dass wir zuhause nur selten Fleisch essen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alter Khistenfriedhof bei Duisi im Pankisital Da wir uns entschieden hatten, einen weiteren Tag bei Badi und Nata zu bleiben, hatten wir die Gelegenheit, an der Totenfeier f\u00fcr den verstorbenen Nachbar teilzunehmen, der zur Gemeinschaft der Khisten im Pankisi-Tal geh\u00f6rte. &hellip; <a href=\"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/blog\/2010\/10\/04\/eine-totenfeier-im-pankisi-tal\/\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,3],"tags":[],"class_list":["post-178","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-begegnungen","category-reiseberichte"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/178","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=178"}],"version-history":[{"count":14,"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/178\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":180,"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/178\/revisions\/180"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=178"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=178"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=178"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}