{"id":176,"date":"2010-10-04T10:48:45","date_gmt":"2010-10-04T10:48:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.ismus.ch\/wordpress\/?p=176"},"modified":"2010-11-02T13:09:33","modified_gmt":"2010-11-02T13:09:33","slug":"rituale-der-khisten-frauen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/blog\/2010\/10\/04\/rituale-der-khisten-frauen\/","title":{"rendered":"Rituale der Khisten-Frauen"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin zum Gl\u00fcck wieder gesund. Nach dem heutigen Fr\u00fchst\u00fcck, Buchweizengr\u00fctze mit Apfelst\u00fcckchen, Baumn\u00fcssen und Honig, hat sich mein Magen v\u00f6llig erholt.<\/p>\n<p>Heute ist Freitag, islamischer Feiertag. Wir sind eingeladen, Badi in die Moschee zu begleiten, wo das sufistischen Dikhr-Ritual stattfinden wird. Nata kommt nicht mit uns, diese Rituale sind Sache der \u00e4lteren Frauen. Mit 40 geh\u00f6rt sie noch nicht dazu.<\/p>\n<p>Neben der alten Moschee in Duisi gibt es ein Geb\u00e4ude, das f\u00fcr die Frauen reserviert ist.\u00a0In der Moschee selber feiern die M\u00e4nner. Sufi-Rituale gibt es in fast allen islamischen Gemeinschaften im Kaukasus. Das Pankisi-Tal ist jedoch der einzige Ort, in welchem auch die Frauen diese Rituale pflegen. Wir k\u00f6nnen uns nicht erkl\u00e4ren, wie es den Frauen in einem solch isolierten Tal m\u00f6glich war, sich so weit zu emanzipieren und gleichwertige Rituale wie die M\u00e4nner zu haben.<\/p>\n<p>Heute werden zwei dieser Dhikr-Rituale gefeiert. Das eine wie bei jedem Freitagsgebet. Das andere ist von Ana offeriert zu Ehren des Gr\u00fcnders der Sufi-Schwesternschaft in Pankisi. Sie hat grossz\u00fcgig Essen f\u00fcr alle Teilnehmenden mitgebracht, zu welchem auch wir im Anschluss ans Dhikr-Ritual eingeladen sind.<\/p>\n<p>Entlang der W\u00e4nde sind Kissen angeordnet, wo wir uns zusammen mit Badi hinsetzen. Die Frauen treffen langsam ein. Sie orientieren sich in Richtung Mekka, verrichten einzeln ihre Gebete. Wir staunen, wie beweglich und stark diese Frauen sind. Sicher sind die meisten von ihnen mindestens im Alter von Badi, d.h um die 70 und \u00e4lter. Sie verneigen sich, gehen auf die Knie, ber\u00fchren mit der Stirn den Boden, richten sich wieder auf, alles mehrmals hintereinander. Unterdessen erkl\u00e4rt uns Badi das Geschehen auf russisch, vermischt mit ein paar englischen Brocken, und wir versuchen, zu verstehen. Immer wieder fordert sie mich auf, Fotos zu machen.<\/p>\n<p>Jetzt ergreift eine der j\u00fcngeren Frauen mit kr\u00e4ftiger Stimme die Initiative. Es ist Raissa, die Leiterin des Rituals. Alle ausser uns dreien sitzen jetzt im Kreis und singen mehrstimmig und sehr laut. Es sind monotone Wiederholungen, die f\u00fcr unsere Ohren zugleich fremd und faszinierend sind. Zum Singen kommt vereinzeltes Klatschen der H\u00e4nde. Dann stehen die Frauen auf, die Teppiche werden an den Rand gerollt, und aus anf\u00e4nglichem Stampfen wird immer schnelleres\u00a0Gehen und\u00a0Drehen im Kreis. Die Frauen sind ganz konzentriert, doch niemand l\u00e4sst sich st\u00f6ren, wenn eine von ihnen an den Rand geht und sich ersch\u00f6pft setzt oder ein Glas Wasser trinkt oder vor die T\u00fcre an die frische Luft geht. Im Raum wird es immer w\u00e4rmer, die Frauen rennen jetzt im Kreis, eine hinter der anderen. Manche fassen sich mit den H\u00e4nden, um sich zu st\u00fctzen. Dazu singen sie eindr\u00fccklich laut und in dieser geheimnisvollen Mehrstimmigkeit. Badi macht uns darauf aufmerksam, dass jetzt die von Raissa vorgetragene Rezitation in Arabisch ist. Ich verstehe ein einzelnes Wort: \u201eBismillah\u201c. Dann singen wieder alle und bewegen sich weiter im Kreis. Auf ein Zeichen\u00a0von\u00a0Raissa\u00a0kommen\u00a0die\u00a0Frauen\u00a0zur Ruhe und beginnen, sich in die andere Richtung zu drehen. Bis sie endlich schweissgebadet ganz anhalten. Sie f\u00e4cheln sich mit den Enden ihrer Kopft\u00fccher ein wenig Luft zu. Sie setzen sich jetzt und ruhen aus, plaudern ein wenig. Dann beginnt das zweite Dhikr-Ritual, nachdem das erste schon etwa eine Stunde gedauert hat. Noch einmal singen und stampfen und rennen die Frauen im Kreis. Nata erkl\u00e4rt uns sp\u00e4ter, dass die Frauen am Ende des Rituals f\u00fcr uns gebetet haben: f\u00fcr eine problemfreie Reise, f\u00fcr Gesundheit f\u00fcr uns und unsere Familien, f\u00fcr gute Heimkehr und f\u00fcr unser Wohlergehen. Als der Kreis sich langsam aufl\u00f6st, stehen Badi, Reto und ich an der Wand. Eine Frau nach der anderen kommt bei mir vorbei und umarmt mich. Manche nur angedeutet, andere ganz sanft, wieder andere kr\u00e4ftig und lang anhaltend. Dabei murmeln sie Worte, die ich nicht verstehe. Auch Reto erh\u00e4lt Umarmungen, wie er mir sp\u00e4ter erz\u00e4hlt. Ich bin \u00fcberw\u00e4ltigt von den W\u00fcnschen und Segnungen dieser Frauen. Mir kommen die Tr\u00e4nen. Ich kann immer nur das eine Wort wiederholen, das wir in ihrer Sprache gelernt haben: \u201eParcal\u201c &#8211; Danke. Die Frauen ruhen sich gar nicht erst aus. Emsig bereiten sie nun das Essen vor. Ein langes Tischtuch wird auf dem Boden ausgebreitet. Darauf kommen Teller, Gl\u00e4ser, L\u00f6ffel, Brot, dann die Speisen, welche Ana spendiert: Frischk\u00e4se und Hartk\u00e4se, viele Teller voll heisses Lammfleisch, dazu in Schalen der Fleischsud. Limonade mit verschiedenen Aromen wird ausgeschenkt:\u00a0Pfirsich, Orangen, Birnen,\u00a0Apfel\u00a0und seltsamerweise Estragon (\u201eTarragon\u201c), diese ist giftiggr\u00fcn, schmeckt aber sehr fein und ist nur leicht ges\u00fcsst. Wir essen alle mit den H\u00e4nden. Jetzt werden noch Teller mit s\u00fcssen, saftigen Trauben gebracht. Als alle gegessen haben, l\u00e4sst Ana Schokolade und Biscuits verteilen, welche die Frauen mit nachhause nehmen\u00a0. Auch wir erhalten von allem.\u00a0W\u00e4hrend die Frauen die Tafel aufr\u00e4umen, mahnt uns Badi zum Aufbruch.\u00a0Wir verabschieden uns. Wieder kommen die Frauen und umarmen und wollen umarmt werden.<\/p>\n<p>Noch wissen wir nicht, dass uns Badi zu einem weiteren Dhikr-Ritual bringen will. Im Pankisi-Tal pflegen die Sufi-Frauen\u00a0zwei verschiedene Formen des Rituals. Bei der ersten, die wir gesehen haben, erhebt man sich w\u00e4hrend des Rituals, stampft mit den F\u00fcssen den Rhythmus und geht und rennt im Kreis.\u00a0Bei der zweiten\u00a0bleibt man am Boden sitzen, der Rhythmus wird\u00a0mit Klatschen auf den Boden markiert, und man\u00a0betet und singt im Dunkeln, hinter geschlossenen T\u00fcren. Doch als wir kommen, bleibt die T\u00fcre offen, und wir erhalten Schemel, um uns zu setzen und zuzuschauen. Wieder fordert mich Badi zum Fotografieren auf. Sie m\u00f6chte, dass wir zuhause vom Erlebten erz\u00e4hlen und viele Bilder zeigen k\u00f6nnen. Hier ist der Raum kleiner, und er befindet sich in einem Privathaus. Auch ist der Kreis kleiner, vielleicht halb so gross, etwa 10 Frauen sind versammelt. Auch ein ganz kleiner Bub ist dabei, wahrscheinlich ist er mit seiner Grossmutter gekommen. Hier ist die Vorbeterin eine noch ernstere Frau als Raissa vom ersten Kreis. Ihre Stimme ist so dunkel und kr\u00e4ftig wie die eines Mannes. Das Ritual verl\u00e4uft fast gleich, die Ges\u00e4nge sind sich sehr \u00e4hnlich. Und auch hier wird zum Schluss f\u00fcr uns um Gesundheit, Gl\u00fcck und Segen auf den Weg gebetet. Vieles verstehen wir erst sp\u00e4ter, als Nata die Antworten auf unsere Fragen an Badi ins Englische \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Video mit Ton vom Dikhr-Ritual: <a href=\"http:\/\/www.blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/P1100952.mp4\">P1100952<\/a>\u00a0(f\u00fcr Video wird QuickTime ben\u00f6tigt)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/P1100938.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-191\" title=\"P1100938\" src=\"http:\/\/www.blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/P1100938-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/P1100938-1024x576.jpg 1024w, http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/P1100938-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/P1100960.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-190\" title=\"P1100960\" src=\"http:\/\/www.blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/P1100960-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/P1100960-1024x576.jpg 1024w, http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/P1100960-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>siehe auch: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dhikr\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dhikr<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin zum Gl\u00fcck wieder gesund. 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