{"id":170,"date":"2010-10-04T10:44:41","date_gmt":"2010-10-04T10:44:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blog.ismus.ch\/wordpress\/?p=170"},"modified":"2010-11-02T09:32:27","modified_gmt":"2010-11-02T09:32:27","slug":"gastfreundschaft-im-pankisi-tal","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/blog\/2010\/10\/04\/gastfreundschaft-im-pankisi-tal\/","title":{"rendered":"Gastfreundschaft im Pankisi-Tal"},"content":{"rendered":"<p>Ein paar Wochen vor unserer Abreise entdeckte Rosa Maria eher zuf\u00e4llig den Band \u201eGeorgische Erz\u00e4hlungen\u201c aus der Manesse-Bibliothek unter meinen B\u00fcchern. Von den Geschichten beeindruckte sie tief \u201eMindia, Chogias Sohn\u201c. Da wird erz\u00e4hlt, wie ein junger Mann aus Chewsuretien, ein georgischer Christ, Freundschaft mit den Erzfeinden, den (muslimischen) Khisten des Nachbartals, schliesst. Es ist eine sehr traurige Geschichte, doch zeigt sie sehr eindr\u00fccklich und bewegend, wie unglaublich wichtig gelebte Gastfreundschaft und Toleranz sind. Sie versuchte herauszufinden, wo sich die Geschichte von Mindia abgespielt haben k\u00f6nnte. Im Internet stiess sie auf die Seite <span style=\"color: #000080;\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><a href=\"http:\/\/www.pankisi.org\/\">http:\/\/www.pankisi.org<\/a><\/span><\/span>. Sie las, dass die Khisten Ende des 18. Jahrhunderts aus ihrem Heimatland Tschetschenien \u00fcber die Berge des Hohen Kaukasus ins Pankisi-Tal auswanderten. Hier lebten sie friedlich mit den ans\u00e4ssigen Georgiern zusammen. Ende des 20. Jahrhunderts kam das Pankisi-Tal in die Schlagzeilen, als Fl\u00fcchtlinge und bewaffnete K\u00e4mpfer aus Tschetschenien bei ihren \u201eBr\u00fcdern\u201c in Georgien Zuflucht suchten. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt, einige Fl\u00fcchtlinge sind zur\u00fcckgekehrt, andere fanden Asyl in Westeuropa. Ein Teil befindet sich jedoch weiterhin im Pankisi-Tal. Die einheimischen Khisten bem\u00fchen sich um die Integration der Kriegsgesch\u00e4digten, insbesondere der Kinder, die ihre Eltern verloren haben. Eine Gruppe von Frauen unter der Leitung von\u00a0Makwala Margoschwili\u00a0(\u201eBadi\u201c) hat vor etwas mehr als 10 Jahren die Vereinigung \u201eFrieden im Kaukasus\u201c (<a href=\"http:\/\/www.pankisi.org\/cgi-bin\/blosxom.cgi\/german\/marshua\">Marshua Kawkaz<\/a>) gegr\u00fcndet. Sie wurden vom polnischen Staat unterst\u00fctzt und haben inzwischen einen gut funktionierenden Agrotourismus organisiert. Diese Konstellation vom Zusammenleben zweier so unterschiedlicher Volksgruppen machte uns neugierig und so beschlossen wir, das Pankisi-Tal kennenzulernen. In Tbilissi stiess unser Vorhaben auf unterschiedliche Reaktionen. Unsere Landlady Dodo war nicht begeistert von der Idee, doch beim Touristenb\u00fcro erhielten wir die Auskunft, dass die Lage sicher sei. Wir erhielten einen Prospekt und die Telefonnummer einer der Initiantinnen.<\/p>\n<p>Am Sonntagmorgen (26.9.) machen wir uns mit unseren R\u00e4dern in Richtung Pankisi-Tal auf. Wir wollen uns vor Ort ein Bild machen. Der erste Reisetag auf dem Velo ist sehr anstrengend. Wir haben uns auf eine relativ einfache Route eingestellt. Auf der Karte ist die ganze Strecke \u00fcber Gldany, Tianeti und Akhmeta als Asphaltstrasse eingezeichnet, mit nicht zu grossen H\u00f6henunterschieden. Doch weit gefehlt! Der Strassenbelag wird immer schlechter, bald fehlt er ganz, dazu gibt es viele Schlagl\u00f6cher. Die H\u00fcgel werden mit zunehmender Distanz immer h\u00f6her. Anfangs haben wir ein wenig Nieselregen, sp\u00e4ter bessert sich das Wetter. Trotz der angenehmen Temperatur sind wir bald schweissgebadet. Ein Trostpflaster ist der sp\u00e4rliche Verkehr. Mit viel Gl\u00fcck finden wir unterwegs in Khevsurtsopeli einen Laden, wo wir einkaufen k\u00f6nnen. Kurz vor Einbruch der Nacht suchen wir einen Platz f\u00fcr unser Zelt. Grosse Auswahl haben wir nicht, da die Gegend landwirtschaftlich genutzt wird. Ausserhalb von Chekuraantegori, ziemlich nahe an der Strasse, bauen wir unser Nachtlager auf. Reto stellt das Zelt auf, Rosa Maria improvisiert ein Reisgericht mit frischen Tomaten und Spiegeleiern. Der Benzinkocher hat so seine T\u00fccken: erst gibt es erschreckend hohe Flammen und dann einen v\u00f6llig verrussten Pfannenboden. Doch das Nachtessen schmeckt uns sehr. Wir schlafen ruhig, gut und tief. Wir haben auch allen Grund dazu nach mehr als sieben Stunden in die Pedale treten und \u00fcber 1400 H\u00f6henmeter auf knapp 70 km mieser Schotterstrasse.<\/p>\n<p>Am zweiten Tag (Montag, 27.9.) fahren wir auf \u00e4hnlich schlechten Strassen weiter \u00fcber Tianeti und Akhmeta bis Duisi im Pankisi-Tal. Wir sind gl\u00fccklich, unser erstes Wunschziel erreicht zu haben. Da wir inzwischen eine georgische SIM-Karte besitzen (sie hat uns ganze 2 Lari gekostet, umgerechnet ca. CHF 1.10!), k\u00fcndigen wir unsere Ankunft telefonisch an, mit den paar Brocken georgisch, die wir inzwischen k\u00f6nnen. Doch ganz sicher sind wir unserer Sache nicht. Wir bitten Br\u00fcckenarbeiter um Hilfe und haben grosses Gl\u00fcck. Einer von ihnen\u00a0hat in Schweden gearbeitet und spricht gut englisch. Er telefoniert sofort f\u00fcr uns und \u00fcbersetzt. Wir erhalten eine ungef\u00e4hre Wegbeschreibung zum Haus von Badi und Nata, unseren zuk\u00fcnftigen Gastgeberinnen. Unterwegs werden wir dann noch von zwei finsteren Polizisten angehalten. Sie sind ziemlich unwirsch und wollen wissen, wohin wir wollen. Es gibt viele sehr freundliche, fr\u00f6hliche Menschen in Georgien, doch manchmal treffen wir auf abweisende, sehr verschlossene oder unbeteiligte, unfreundliche Gesichter. F\u00fcr uns ist es schwierig, diese Mimik richtig zu verstehen. Aber es k\u00f6nnen ja nicht alle begeistert winken und \u201eHello\u201c rufen, wie dies manchmal die Kinder tun, wenn wir durch die D\u00f6rfer fahren.<\/p>\n<p>In Duisi angekommen, fragen wir nach Badi und Nata. Viele Menschen sind auf der Strasse. Eine alte Frau ruft einen Jungen auf einem Fahrrad herbei, dieser geleitet uns durch das Labyrinth der Str\u00e4sschen bis vor das gesuchte Haus. Die T\u00fcre zum Hof wird ge\u00f6ffnet und eine strahlende Frau ganz in schwarz kommt auf uns zu, umarmt uns und geleitet uns ins Haus. Badi ist \u00fcber 70, ihr Mann ist vor einigen Jahren gestorben. Nata, ihre Schwiegertochter, ist Lehrerin und hat 3 erwachsene Kinder, die in Tbilissi studieren. Ihr Mann Tamaz, Badis Sohn, arbeitet in der Fl\u00fcchtlingskoordination und ist z.Z. ebenfalls in der Hauptstadt. Wir werden wie alte Freunde willkommen geheissen. Ein \u00fcppiges Nachtessen wird aufgetischt, welches unseren nicht unerheblichen Hunger bei weitem \u00fcbersteigt. Nata kocht vorz\u00fcglich. Fast alle Zutaten sind aus dem eigenen Garten. Dazu geniessen wir \u201eschwarzen\u201c Wein, Eigengew\u00e4chs von den Reben im Innenhof.<\/p>\n<p>Untergebracht sind wir in einem f\u00fcrstlichen Zimmer im ersten Stock des Hauses, der ganz f\u00fcr die G\u00e4ste reserviert ist. Von unserem Balkon aus sehen wir in die Berge des Hohen Kaukases, welche unser n\u00e4chstes Ziel sein werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein paar Wochen vor unserer Abreise entdeckte Rosa Maria eher zuf\u00e4llig den Band \u201eGeorgische Erz\u00e4hlungen\u201c aus der Manesse-Bibliothek unter meinen B\u00fcchern. Von den Geschichten beeindruckte sie tief \u201eMindia, Chogias Sohn\u201c. 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