{"id":1246,"date":"2011-07-06T13:38:09","date_gmt":"2011-07-06T13:38:09","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/?p=1246"},"modified":"2011-07-14T15:32:36","modified_gmt":"2011-07-14T15:32:36","slug":"willkommen-in-tadschikistan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/2011\/07\/06\/willkommen-in-tadschikistan\/","title":{"rendered":"Willkommen in Tadschikistan"},"content":{"rendered":"<p>Ab heute, 1. Juli 2011 ist unser Visum f\u00fcr Tadschikistan g\u00fcltig. Wir stehen um halb 5 Uhr auf und fahren wenig sp\u00e4ter los. So fr\u00fch hat es noch fast keinen Verkehr in Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans, und wir k\u00f6nnen die k\u00fchlen Morgenstunden zum Fahren nutzen. Wir m\u00f6chten die Grenzformalit\u00e4ten so rasch als m\u00f6glich hinter uns haben. Von anderen Reisenden haben wir gelesen, dass sie am Zoll Probleme wegen fehlender OVIR-Registrationen hatten und hohe Bussen bezahlen mussten. In Usbekistan muss man sich n\u00e4mlich in jeder besuchten Stadt registrieren, mindestens einmal alle drei Tage. Normalerweise \u00fcbernimmt dies das Hotel, in dem man \u00fcbernachtet. Am besten ist nat\u00fcrlich, wenn man m\u00f6glichst viele solcher Registrationszettel vorweisen kann. Da wir zwischendurch im Zelt geschlafen haben, verf\u00fcgen wir \u00fcber keinen l\u00fcckenlosen Nachweis f\u00fcr die ganze Aufenthaltsdauer im Land. Das macht Reto Bauchweh. Ich nehme es etwas gelassener. Doch f\u00fcrchten wir beide die Willk\u00fcr der Beamten. H\u00e4ufig m\u00fcsse man Polizisten, Z\u00f6llner und andere \u00f6ffentliche Beamte bestechen, damit die vorgebrachten Anliegen behandelt werden, und sei es \u201enur\u201c die Ausreise aus dem Land. Doch an der Grenze bei Oybek, die wir nach etwa 95 km s\u00fcdlich von Taschkent erreichen, l\u00e4uft alles wie am Schn\u00fcrchen. Zwar m\u00fcssen wir jedes einzelne Gep\u00e4ckst\u00fcck r\u00f6ntgen lassen, und das Ent- und Beladen der Velos ben\u00f6tigt immer recht viel Zeit, doch niemand interessiert sich f\u00fcr die sorgsam gesammelten Zettelchen. Reto wird dann noch in ein \u201eindividuelles Untersuchungszimmer\u201c beordert, was meinen Puls kurzzeitig h\u00f6her gehen l\u00e4sst. Doch der Beamte will bloss, dass Reto die deklarierten Euro vorweist und seine Taschen und den Dokumentenbeutel leert. Alles in Ordnung, und ein paar Minuten sp\u00e4ter verlassen wir das usbekische Grenzgeb\u00e4ude. Nach nicht einmal 200 m erreichen wir die tadschikische Grenze. Hier geht&#8217;s noch einfacher und schneller. Nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir auch hier ein Eintrittsformular ausf\u00fcllen, von dem wir das Doppel bis zur Ausreise aufbewahren m\u00fcssen, doch es ist nur ganz kurz. Nicht einmal das eingef\u00fchrte Bargeld m\u00fcssen wir deklarieren. Und was in unserem Gep\u00e4ck alles versteckt sein k\u00f6nnte, interessiert niemanden. Wir erhalten den Eingangsstempel im Pass und ein freundlicher Beamter winkt uns ohne Fragen und Kontrollen \u00fcber die Grenze. Als wir das Geb\u00e4ude verlassen, sind wir mehr als erleichtert. Einer der auf Kundschaft wartenden Taxifahrer begr\u00fcsst uns herzlich mit \u201eWelcome to Tadjikistan\u201c.<\/p>\n<p>Dass die Landesgrenzen k\u00fcnstlich gezogen sind, f\u00e4llt mir bei jedem Grenz\u00fcbertritt auf. Auf beiden Seiten der Grenzen wachsen die selben Blumen, meist sprechen die Leute die gleiche oder eine \u00e4hnliche Sprache, und die traditionellen Kleider, Farben und Muster, die die Frauen tragen, sind h\u00fcben wie dr\u00fcben die gleichen. Auch die Speisen und \u00fcberhaupt das Angebot an Lebensmitteln ist fast identisch. So f\u00fchlen wir uns rasch heimisch in Tadschikistan.<\/p>\n<p>Doch an die Preise m\u00fcssen wir uns erst gew\u00f6hnen. Wenn in Usbekistan zwei 1.5 Liter Mineralwasser etwa 3&#8217;000 Som (ca. 1 US-$) kosteten, so bezahlen wir in Tadschikistan etwa 3 Somoni (ca. 0.3 US-$). Die h\u00f6chste Note in Usbekistan betr\u00e4gt 1&#8217;000 Som, und f\u00fcr jeden Einkauf brauchte man ein ganzes B\u00fcndel an Banknoten. Hier in Tadschikistan gibt es 1er- bis 100er-Somoni-Noten, und das Bezahlen wird erheblich einfacher. Essen scheint billiger. Einfaches \u00dcbernachten ebenfalls. So bezahlen wir in \u201eChaikhonas\u201c (Teeh\u00e4usern) meist 10 Somoni f\u00fcr einen Platz auf einem der hohen Liegebetten, wo wir dann f\u00fcr die Nacht unsere Schlafs\u00e4cke ausrollen. Doch in einem Gasthaus oder einfachen Hotel bezahlt man 50 US-$ und mehr. Darum werden wir in Duschanbe wahrscheinlich eine Wohnung mieten und hoffen, sie mit anderen Reisenden zu teilen.<\/p>\n<p>Erste Station in Usbekistan ist f\u00fcr uns Buston. Seit unserem Aufbruch in Taschkent sind wir 111 km gefahren. Wir machen eine lange sp\u00e4te Mittagspause. Reto geht Geld wechseln. Abduhafiz, ein junger Mann, welcher Reto in der Bank bedient hat, sp\u00fcrt uns sp\u00e4ter beim Bazar auf, wo wir Tee und eine grosse Flasche k\u00fchles Cola trinken. Er m\u00f6chte, dass wir zu ihm nachhause kommen. Seine Eltern seien gestorben und er wohne zusammen mit seinem Bruder. Eigentlich sind wir froh, dass wir nicht noch einen Zeltplatz suchen m\u00fcssen. Hotels gibt es hier keine. Also nehmen wir die Einladung an unter der Bedingung, dass wir das Nachtessen kochen d\u00fcrfen. Ich kaufe im Bazar Reis, Zwiebeln, Gurken, Tomaten und frische Kr\u00e4uter. Erst sp\u00e4t realisieren wir, dass Abduhafiz nicht in Buston selber wohnt, sondern in Ob&#8217;burdon, 14 km s\u00fcdwestlich. (Das bedeutet, dass wir morgen zuerst wieder zur\u00fcck nach Buston fahren, bevor wir unseren Weg nach S\u00fcden fortsetzen k\u00f6nnen.) Im Dorf angekommen, erwartet uns Abduhafiz, der mit einem Bus vorausgefahren ist. Er erkl\u00e4rt uns, dass wir einen Umweg machen, da ein Nachbar gestorben sei und sich vor dessen Haus viele Trauernde versammeln. Die Ueberraschung ist gross, als ich feststelle, wie gross Abduhafiz&#8250; Familie ist: Bruder, Schw\u00e4gerin, 3 Kinder, Onkel und Tante und deren erwachsene Kinder. Sie alle leben in einem grossen Hof. Dazu gesellen sich erstaunlich viele Besucher. Nachdem ich Tomaten, Gurken und Kr\u00e4uter in einer Schale mit Wasser und Micropur (zur Entkeimung) gewaschen habe, erfahren wir, dass heute Abend ein 3-t\u00e4giges Hochzeitsfest beginnt. Wir denken sofort an unsere Erlebnisse mit den Baktiyari-Familien in Iran. Da jedoch die Nachbarn trauern, spielt keine Musik auf, und die Festlichkeiten sind sehr zur\u00fcckhaltend. Mein Salat ist eher \u00fcberfl\u00fcssig, da der Onkel und seine Familie f\u00fcr alle G\u00e4ste gekocht haben. Die Frauen zeigen mir, wie sie Brot backen. Angefeuert wird mit den verholzten Stauden der Baumwolle, welche in dieser Region auf den meisten Feldern angepflanzt wird. Die Tante kocht am offenen Feuer eine Riesenmenge einer k\u00f6stlichen S\u00fcssspeise. Es ist eine Mischung aus ganz feinem (vielleicht leicht ger\u00f6steten) Hafermehl mit Milch, Zucker und Butter. Dies gibt es als Auftakt des Festessens. Man isst es zusammen mit Brot und trinkt dazu unges\u00fcssten Gr\u00fcntee. Die Hauptspeise ist Plov, die Nationalspeise aller zentralasiatischen L\u00e4nder. Plov ist grunds\u00e4tzlich ein Reiseintopf mit R\u00fcebli, Zwiebeln, Lammfleisch und K\u00fcmmel, doch hat jedes Land seine eigenen Varianten. Uns schmeckt dieses Gericht bis jetzt sehr, obwohl man in den meisten Reisef\u00fchrern vor dieser eint\u00f6nigen, angeblich fetttriefenden Speise gewarnt wird. Der Reis ist sch\u00f6n k\u00f6rnig, die Karotten sind in h\u00fcbsche Stengelchen geschnitten und die paar Fleischst\u00fcckchen liegen fast wie als Dekoration oben auf.<\/p>\n<p>Wir sind erleichtert, dass sich die G\u00e4ste kurz nach dem Nachtessen verabschieden. Wir machen es uns auf dem Liegebett im Hof gem\u00fctlich, holen unsere Schlafs\u00e4cke hervor und schlafen bald unter freiem Himmel. In dieser Gegend verf\u00fcgen die meisten Familien \u00fcber einen einzigen Schlafraum. Dieser dient tags\u00fcber als Aufenthaltsraum, und nachts werden d\u00fcnne schmale Matratzen \u00fcber den Boden verteilt.<\/p>\n<p>Als wir am n\u00e4chsten Tag kurz nach 4 Uhr aufstehen, sind wir nicht die einzigen, die so fr\u00fch wach sind. Die meisten M\u00e4nner haben sich bereits im hofeigenen Gebetsraum versammelt. Wir r\u00e4umen unsere Sachen zusammen. Bevor wir aufbrechen, trinken wir mit Abduhafiz Tee und essen Fr\u00fchst\u00fcck. Als wir gehen, habe ich ein etwas ungutes Gef\u00fchl. Reto und ich denken beide, dass wir diese Einladung wohl besser nicht angenommen h\u00e4tten. Wahrscheinlich hat der junge Mann ziemlich eigenm\u00e4chtig entschieden, als er uns einlud, und vielleicht sind wir dem Rest der Familie dann eher zur Last gefallen. (Trotzdem waren alle freundlich zu uns.) Doch im Nachhinein ist man meist kl\u00fcger&#8230; Wir nehmen uns vor, in Zukunft noch sorgf\u00e4ltiger zu entscheiden, bevor wir eine Einladung annehmen.<\/p>\n<p>Unser n\u00e4chstes Ziel ist Khujand, die zweitgr\u00f6sste Stadt Tadschikistans. Wir verbringen eine lange Mittagspause in einem Restaurant und essen eine Omelette (das einzige Gericht auf der russisch geschriebenen Speisekarte, welches wir entziffern k\u00f6nnen). Es ist Samstag, und das Amt, in welchem wir uns registrieren m\u00fcssten, ist am Wochenende geschlossen. Also fahren wir bis gegen Abend weiter. Wir finden einen passenden Platz f\u00fcrs Zelt in einem lichten Pappelwald. Wir fragen ein paar Frauen um Erlaubnis, welche an einem Bew\u00e4sserungskanal frisch geerntete R\u00fcebli waschen. Sie scheinen sich \u00fcber unseren Besuch zu freuen, und die anwesenden Kinder beobachten uns aus gewisser Entfernung. In Tadschikistan scheinen die Menschen viel zur\u00fcckhaltender zu sein, vorallem im Vergleich mit Iran. Reto stellt das Zelt auf und ich beginne mit dem Zubereiten des Nachtessens. Ich muss insistieren, dass ich f\u00fcr ein paar R\u00fcebli etwas bezahlen darf. Bald bringen uns die Kinder noch Gurken, die wir sch\u00e4len und gen\u00fcsslich als erfrischende Vorspeise verzehren.<\/p>\n<p>Diesmal nehmen wir es gem\u00fctlicher mit Aufstehen und Fr\u00fchst\u00fccken. Bis Istaravshan, wo wir als n\u00e4chstes \u00fcbernachten m\u00f6chten, sind es nur noch etwa 60 km. Noch immer ist es sehr heiss, und wir sehnen uns nach Abk\u00fchlung in den nahen Bergen. In Istaravshan angekommen, werden wir von zwei Buben auf Velos begleitet. Einer spricht erstaunlich gut Englisch und hilft uns beim Suchen nach einer Uebernachtungsm\u00f6glichkeit. Dies gestaltet sich als ausserordentlich langwierig und f\u00fcr mich sehr anstrengend und erm\u00fcdend. Die Stadt ist mehr als 5 km lang, liegt am Berg, und der Zustand der Strassen innerorts ist wie so oft in Tadschikistan sehr schlecht. Es hat viele L\u00f6cher und oft fehlt der Belag, wo vor vielen Jahren wohl einmal asphaltiert war. Doch die zwei Buben tragen immer wieder zur Verbesserung der Laune bei. Nach vielem Fragen und mehreren Umwegen erreichen wir hinter dem Bazar den Hof einer Familie, welche ein grosses Zimmer in ihrem Haus vermietet. Hier f\u00fchlen wir uns rasch wohl. Wir k\u00f6nnen duschen und geniessen es, nach Taschkent wieder einmal von Kopf bis Fuss sauber zu sein.<\/p>\n<p>Am Montag fahren wir mit einem Sammeltaxi in knapp zwei Stunden die ca. 100 km zur\u00fcck nach Khujand. Hier wollen wir die OVIR-Registration erledigen, die wir f\u00fcr den Aufenthalt in Tadschikistan ben\u00f6tigen. Ab 10 Uhr sollte das B\u00fcro ge\u00f6ffnet sein. Wir melden uns beim Pf\u00f6rtner und erfahren, dass heute wegen einer Konferenz erst am Nachmittag ge\u00f6ffnet sei. Wir sollen um 1 Uhr wieder kommen, erkl\u00e4rt er uns. Missmutig nehmen wirs zur Kenntnis und verbringen die Wartezeit mit einem Besuch im Bazar, welcher einer der gr\u00f6ssten und bestdotierten in Zentralasien ist. P\u00fcnktlich um 1 Uhr stehen wir wieder vor der Pforte. Und schon wieder schickt man uns weg. Alle Angestellten seien an einer Weiterbildung, es sei niemand da, der unsere Registration machen k\u00f6nne. Ich will schon wieder umkehren, doch Reto gibt nicht auf. Immer und immer wieder bringt er unser Anliegen vor und erkl\u00e4rt, dass wir eigens von Istaravshan hergefahren sind. Und siehe, wir d\u00fcrfen durchs Tor zu einem ersten Schalter. Hier d\u00fcrfen wir unseren Wunsch bei einer netten Frau vorbringen. Wahrscheinlich verzichtet sie wegen uns auf ihre Mittagspause. Doch ich w\u00e4ge mich zu fr\u00fch in Sicherheit. Wir werden zu einer Polizeistelle (Militsija) in einem anderen Quartier der Stadt geschickt. Dort angekommen, sagt man uns, dass alle Leute an einer Weiterbildung seien, und dies bis am Donnerstag; wir sollen am Freitag wieder kommen. Retos Geduldsfaden reisst, doch hier n\u00fctzt alles gar nichts. Niemand will oder kann uns empfangen. Die T\u00fcren bleiben, auch f\u00fcr alle anderen Wartenden, geschlossen. Also kehren wir zur ersten Stelle zur\u00fcck. Zum Gl\u00fcck ist die nette Frau, die sogar etwas Deutsch spricht, noch da. Und siehe da, jetzt nimmt sie unsere P\u00e4sse entgegen, beginnt unsere Personalien in ein Buch einzutragen und schickt Reto in Begleitung eines jungen Angestellten in ein anderes Amt, wo er den nicht unerheblichen, geforderten Betrag von umgerechnet ca. 100 Franken pro Person, einbezahlen muss. Ich bleibe in der Zwischenzeit vor dem Schalter und beantworte ein paar Fragen. Nach ein paar Stunden haben wir den notwendigen Eintrag im Pass, allerdings nur mit der Auflage, dass wir uns in Istaravshan bei der Militsija melden und einem gewissen Iskander einen handgeschriebenen Brief abgeben. Wir sind einigermassen zufrieden und machen uns auf den R\u00fcckweg. In Istaravshan die n\u00e4chste \u00e4rgerliche Ueberraschung. Iskander ist nicht da und auch telefonisch nicht erreichbar. Wir werden gebeten, morgen um 8 Uhr nochmals zu kommen. Dabei hatten wir uns vorgestellt, dass wir heute am sp\u00e4teren Nachmittag abreisen k\u00f6nnten. Daraus wird also nichts. Wir besuchen eine sch\u00f6ne alte Moschee und eine sorgsam restaurierte Medrese (Koranschule). Die ganze Holzdecke ist reich mit vielfarbigen Ornamenten geschm\u00fcckt. Auf unserem Weg durch das Labyrinth der Altstadt werden wir von einer Menge von Kindern zu Fuss und auf Velos begleitet. Sie zeigen uns den Weg zu den Sehensw\u00fcrdigkeiten und zur\u00fcck zum Basar.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag um 8 Uhr stehen wir vor dem geschlossenen Portal der Militsija. Neben uns stehen schon ein Dutzend oder mehr Leute und warten. Durchs Gitter zeigen wir unseren Brief. Zu unserem Entsetzen ist der omin\u00f6se Iskander wieder nicht da. Er sei die ganze Woche an einer Weiterbildung. Unsere Russischkenntnisse sind zu gering, als dass wir uns verst\u00e4ndlich machen k\u00f6nnten. Wir rufen Mirso, einen Deutschlehrer aus Duschanbe an, der uns auf der Fahrt hierher angesprochen hatte. Er verbringt ein paar Ferientage hier bei seiner Familie. Er ist sofort bereit, uns als Dolmetscher zu helfen, und wirklich, nach kaum einer Viertelstunde taucht er vor dem Geb\u00e4ude der Militsija auf und bringt unser Anliegen nochmals vor. Doch es ist nichts zu machen. Iskander ist nicht da, und auch sonst k\u00f6nne uns niemand weiterhelfen. Nach ein paar freundlichen Worten hin und her erfahren wir, dass unsere Registration eigentlich vollst\u00e4ndig sei, und dass wir ruhig weiterfahren d\u00fcrfen (d.h. wir h\u00e4tten gar nicht erst bis heute warten m\u00fcssen!!). Mirso macht eine Fotokopie vom Brief und sagt, dass er versuchen werde, mit Iskander zu telefonieren. Uns ist das alles nicht ganz geheuer, doch das Risiko, dass wir etwas v\u00f6llig falsch gemacht haben k\u00f6nnten, schliessen wir aus. Wir holen unser Gep\u00e4ck und verlassen die Stadt am sp\u00e4ten Vormittag. Die Strasse wird bald besser, und jetzt f\u00e4ngt auch die Steigung in die Berge an. Bis am Abend fahren wir noch gut 40 km und immerhin fast 1000 H\u00f6henmeter. Bei Kilometer 283 vor Duschanbe \u00fcbernachten wir in einem einfachen H\u00e4uschen, das gerade Platz f\u00fcr die Velos, unser Gep\u00e4ck und unsere Schlafs\u00e4cke bietet.<\/p>\n<p>Der folgende Tag wird sicher der bisher schwierigste auf unserer Reise. Noch sind wir nicht sicher, ob es uns \u00fcberhaupt gelingen wird, den Shahristonpass in einem einzigen Tag zu fahren. Bis zur Passh\u00f6he von 3377 m fehlen uns 1417 m. So viel an einem Tag und in dieser H\u00f6he sind wir noch nie gefahren. Nach 20 km ist der Asphalt zu Ende. Wir haben von anderen Reisenden erfahren, dass die 30 km \u00fcber den Pass sehr schwer und unangenehm zu fahren sind, da die Strasse grosse L\u00f6cher aufweist und nur mit grobem Schotter befestigt ist. Sie wird nicht mehr unterhalten, da seit Jahren an einem Tunnel gebaut wird, der n\u00e4chstes Jahr er\u00f6ffnet werden soll.<\/p>\n<p>Wir kommen nur ganz langsam voran. Meist ist die Strasse so steil und schlecht, dass ich nicht mehr fahren kann. Also schiebe ich immer h\u00e4ufiger. Reto f\u00e4hrt voraus und wartet immer wieder auf mich. Manchmal marschiert er zur\u00fcck und unterst\u00fctzt mich beim Schieben. Manchmal nimmt er mir das ganze Velo ab, und ich gehe den Weg entspannter zu Fuss. Manchmal schraubt er auch den Sattel h\u00f6her und f\u00e4hrt mein Velo ein St\u00fcck weiter nach oben. Doch ab einer gewissen H\u00f6he setzt diese zus\u00e4tzliche Belastung auch Reto zu. Er tr\u00e4gt mit Zelt, Kocher, Pfannen, Benzin (f\u00fcr den Kocher), mit dem schweren Werkzeug und den vielen Ersatzteilen eh schon viel mehr Gewicht an seinem Velo. Ich versuche, die letzten 200 H\u00f6henmeter alleine zu bew\u00e4ltigen, komme aber immer langsamer vorw\u00e4rts. Aergerlich ist auch der starke Verkehr \u00fcber den Sharistonpass. Dieser ist die einzige Verbindung zwischen dem wirtschaftlich reichen und dicht besiedelten Norden des Landes mit der Hauptstadt Duschanbe. Viele schwarze Gel\u00e4ndefahrzeuge sind als Sammeltaxis unterwegs. Meist sitzen 8 und mehr Passagiere im Wagen, und auf den Dachgep\u00e4cktr\u00e4gern t\u00fcrmen sich Hausrat und Kartons. Die Fahrer sind eher r\u00fccksichtslos. Aus einzelnen langsam an uns vorbeifahrenden Privatautos werden wir verst\u00e4ndnislos von oben bis unten gemustert. Die Frage, die sie uns im Vorbeifahren stellen, ist immer die gleiche: \u201eAtkuda?\u201c Woher kommen solche Spinner wie wir zwei, die sich mit einem so exotischen Gef\u00e4hrt vollbepackt \u00fcber einen auch f\u00fcr Autos schwierigen Pass k\u00e4mpfen&#8230;.? Besonders lustig ist es, wenn wir \u2013 verschwitzt und keuchend wie wir sind \u2013 mit Handies und Kameras fotografiert oder gefilmt werden.<\/p>\n<p>Im Schatten von ein paar verlassenen Geb\u00e4uden wollen wir Pause machen und etwas essen. Da winkt uns ein Mann aus einem wenig weiter oben gelegenen Haus. Er empf\u00e4ngt uns mit einem Teekrug voll heissen Wassers, das er uns in ganz kleinen Mengen immer wieder kurz \u00fcber unsere H\u00e4nde giesst. Wie angenehm ist dieses Waschen und wie wohltuend diese herzliche Willkommensgeste. Er bittet uns ins Innere der direkt an den Berg gebauten Steinh\u00fctte. Es ist angenehm k\u00fchl, und wir setzen uns auf die Kissen des gemauerten leicht erh\u00f6hten Liegebettes. Die Mitte dient als Esstisch und entlang der drei Seiten sitzt man im Schneidersitz oder halb liegend und lehnt sich an die ebenfalls mit Kissen versehenen W\u00e4nde. Wir teilen unser mitgebrachtes Essen mit dem Aelpler und einem seiner Nachbarn und bekommen heissen Tee. Frisch gest\u00e4rkt machen wir uns erneut auf den Weg. Die Anstrengung wird immer gr\u00f6sser, und ich muss immer h\u00e4ufiger Verschnaufpausen einlegen. Der Pass\u00fcbergang ist bereits in Sichtweite, was mir zus\u00e4tzlichen Mut gibt. Nach total etwa 5 effektiven \u201eFahr\u201c-Stunden erreichen wir Mitte Nachmittag den Pass. Welch eine Erleichterung! Meine Ersch\u00f6pfung wird bald durch grosse Zufriedenheit abgel\u00f6st. Wir freuen uns beide riesig, dass wir dieser enormen Herausforderung gewachsen waren. Dieser Erfolg tr\u00e4gt dazu bei, dass ich den noch vor uns liegenden hohen P\u00e4ssen mit mehr Zuversicht und Gelassenheit entgegen sehe.<\/p>\n<p>Nach unten geht es dann etwas leichter, doch auch die Talfahrt ist nicht eitel Honiglecken. Die Anforderung an Konzentration und Gleichgewicht ist auf den noch immer unasphaltierten ca. 15 km gross. Ich lege auch jetzt h\u00e4ufig kurze Pause ein und lockere die vom Bremsen angespannten H\u00e4nde. Manchmal muss ich vom Velo steigen, da Fahren im lockeren Schotter f\u00fcr mich zu gef\u00e4hrlich w\u00e4re. Dann endlich ist die Naturstrasse zu Ende und wir kommen auf die fein s\u00e4uberlich asphaltierte Strasse, was mich unwahrscheinlich freut! Jetzt erst kann ich die Abfahrt geniessen und mich fast von alleine ins 2000 m tiefer gelegene Tal tragen lassen. Auf etwa 2500 m steht in einer Spitzkehre an einem m\u00e4chtig rauschenden Bergbach neben ein paar Steinh\u00fctten und St\u00e4llen eine improvisierte Chaikhona. Hier sitzt &#8211; wie ich annehme &#8211; der Grossvater, bequem auf Kissen und gesch\u00fctzt vom starken Wind, w\u00e4hrend sein Sohn k\u00fchle Getr\u00e4nke anbietet. Die Kinder verkaufen K\u00e4se. Dieser ist sehr hart und trocken und hat die Form von etwa eiergrossen Kugeln. Er schmeckt ein wenig nach Emmentaler und ist ein wertvoller Eiweiss- und Kalziumlieferant. In dieser Form ist er lange auch ungek\u00fchlt haltbar. Wir setzen uns zum Alten aufs quadratische Liegebett und versuchen, seiner Unterhaltung zu folgen. Zus\u00e4tzlich zur gekauften Cola bietet er uns Tee und Brot an. Gest\u00e4rkt und ausgeruht fahren wir dann weiter.\u00a0Ab etwa 2000 m\u00a0treffen wir auf fruchtbare Obstg\u00e4rten zwischen den Felsen, wo Aprikosenb\u00e4ume wachsen. Jetzt ist gerade Erntezeit, und entlang der Strasse treffen wir immer wieder auf Kinder, die die aromatischen Fr\u00fcchte in Blech- oder Plastikeimern zum Verkauf anbieten. Unten im Tal \u00fcberqueren wir den m\u00e4chtigen Zarafshonfluss. Er trennt zwei hohe Bergketten, von denen wir die erste heute \u00fcberquert haben.<\/p>\n<p>Im Dorf Aini finden wir eine Chaikhona, wo wir \u00fcbernachten k\u00f6nnen. An einem Schlauch k\u00f6nnen wir uns waschen, und wir entfernen den gr\u00f6bsten Staub von Velos und Gep\u00e4ck. Wir sind die einzigen G\u00e4ste. Nach unserem improvisierten Nachtessen bleiben wir alleine im historischen Geb\u00e4ude. Wieder\u00a0 sind Decken und Balken mit sch\u00f6nen Ornamenten geschm\u00fcckt und die h\u00f6lzernen S\u00e4ulen sind mit Schnitzereien versehen. Im Inneren des Teehauses, wo wir unsere Schlafs\u00e4cke ausbreiten, stellen Wandmalereien romantische Szenen aus russischen M\u00e4rchen dar. Von Drachen, Prinzen und Feen begleitet fallen wir bald in tiefen erholsamen Schlaf.<\/p>\n<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-1246 gallery-columns-3 gallery-size-thumbnail'><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/files\/2011\/07\/00_Muster_P1160764.jpg'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/files\/2011\/07\/00_Muster_P1160764-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt><\/dl><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/files\/2011\/07\/01_Zettelchen_P1160720.jpg'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/files\/2011\/07\/01_Zettelchen_P1160720-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" 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href='http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/files\/2011\/07\/04_Fr\u00fchst\u00fcck_Obburdon_P1160734.jpg'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/files\/2011\/07\/04_Fr\u00fchst\u00fcck_Obburdon_P1160734-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt><\/dl><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/files\/2011\/07\/05_Aprikosenernte_P1160742.jpg'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/files\/2011\/07\/05_Aprikosenernte_P1160742-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt><\/dl><br style=\"clear: both\" \/><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a 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class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/files\/2011\/07\/Mohn_P1020886.jpg'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/files\/2011\/07\/Mohn_P1020886-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt><\/dl><br style=\"clear: both\" \/>\n\t\t<\/div>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ab heute, 1. Juli 2011 ist unser Visum f\u00fcr Tadschikistan g\u00fcltig. Wir stehen um halb 5 Uhr auf und fahren wenig sp\u00e4ter los. So fr\u00fch hat es noch fast keinen Verkehr in Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans, und wir k\u00f6nnen die &hellip; <a href=\"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/2011\/07\/06\/willkommen-in-tadschikistan\/\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1264,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-1246","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reiseberichte"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1246","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1246"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1246\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1269,"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1246\/revisions\/1269"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1264"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1246"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1246"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/blog.ismus.ch\/wordpress\/iran\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1246"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}